Nackte Mönche

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Nackte Mönche | story.one

Der Prior war noch vom alten Schlag. Den Jungmönchen gab er den Rat: „Wenn ihr mit einer Frau zu tun kriegt, dann achtet darauf, dass mindestens ein Tisch zwischen euch ist.“ Er glaubte auch an einen persönlichen Teufel. Deshalb verspritzte er viel Weihwasser, das der Teufel ja bekanntlich besonders fürchtet.

Gelegentlich betete der alte Prior in seiner Kammer den kleinen Exorzismus, denn der Teufel schläft nicht. Die Jungmönche machten sich darüber heimlich lustig.

Eines Tages wurde der Prior mit einer Tatsache konfrontiert, die ihm einen Schrecken einjagte: Die Jungmönche planten die Errichtung einer Sauna im Keller des Klosters.

Dem Prior verschlug es die Sprache, nur mehr still beten konnte er noch. Er schlich am Abend in den Keller und verteilte Weihwasser in rauen Mengen, um die Installation einer derart unkeuschen Angelegenheit zu verhindern.

Es half leider nichts, die Sauna wurde gebaut und „eingeweiht“. Drei Jungmönche und ein alter Pater, der dem Prior immer schon verdächtig vorkam, weil er Bücher von modernen Theologen las, hockten also nackt in der nagelneuen Sauna. Der Ofen strahlte Hitze aus, ein Aufguss folgte dem nächsten. Es wurde geschwitzt, gelacht und gekeucht.

„Boah“, sagte Jungmönch Leopold. „Bist du deppert! I glaub, wir ham zu arg eing’hazt, bei mir draht si scho ois.“

Den anderen Mönchen kam die Sache auch merkwürdig vor. Es war, als würde die Sauna wackeln, zuerst ganz leicht, dann immer heftiger.

Der alte Pater meinte: „Burschn, reißts euch z’samm! Nur die Harten kommen durch – im Leben und im Kloster.“

Leopold flüchtete in Richtung Frischluft. Da merkte er, dass die Wände wirklich vibrierten. Er schrie: „Ein Erdbeben!“

Da rannten auch die anderen Nackten ins Freie. Das war am 6. Mai 1976 um 21 Uhr. Die Nachwirkungen des Erdbebens von Friaul waren damals in Salzburg deutlich zu spüren. Einige Häuser bekamen Risse.

Alle Mönche verließen vor Schreck das Kloster und versammelten sich im Klostergarten. Als der alte Prior dort seine nackten Mitbrüder erblickt hatte, traf ihn fast der Schlag.

Tagelang lag er danach dem Abt in den Ohren mit seiner Idee, den Klostergarten neu weihen zu lassen. Es wurde aber nichts daraus. Der Teufel hatte das Spiel gewonnen.

© Reinhard Rinnerthaler 19.10.2019