Trickreich zur Matura

Mein bester Freund und ich gehörten in Buchhaltung zu den völlig Talentlosen unserer Klasse. Die Gefahr wuchs, dass wir beide in diesem Fach nicht zur Matura zugelassen werden könnten. (1969 sollte meine Matura in der Salzburger Handelsakademie abgewickelt werden.)

Da hatte ich eine geniale Idee: Die Angaben für Schularbeiten wurden mit einer Schreibmaschine auf Wachsmatrizen getippt, danach die entsprechende Anzahl mit dem Matrizendrucker „abgezogen“. Unser Buchhaltungsprofessor besorgte die Vervielfältigungen sicher nicht kurz vor der Schularbeit, sondern einen Tag davor oder einige Tage früher, … so war meine Überlegung.

Die Matrizen wurden weggeworfen und landeten im Papierkorb des verschlossenen „Druckereikammerls“, und später kamen sie in die Mülltonne.

Spät in der Nacht schlichen mein Freund und ich zur Schule, dort durchwühlten wir die blechernen Mülltonnen. Wir fanden die Matrizen, jubelten und übten den Rest der Nacht oder am Tag danach. (Wenn man diese Matrizen gegen das Licht hielt, konnte man den Text gut lesen.) Am Tag der Schularbeit schlich der Professor um uns herum, die Hände auf dem Rücken, und wunderte sich: Zwei der größten Deppen – die an der Tafel immer versagt hatten – schrieben mit schlafwandlerischer Sicherheit die besten Arbeiten!

Zugegeben: Hätten wir die Zeit, die wir für unsere nächtlichen „Expeditionen“ aufwendeten, fürs Lernen und Üben benützt, wäre es auf dasselbe hinausgelaufen. Es wäre aber sicher nicht so aufregend gewesen. Einmal überraschte uns ein Polizist, der aus dem Dunkel plötzlich vor uns stand. Mein Freund und ich spielten blitzschnell Betrunkene und sangen unanständige Lieder. Der Polizist sagte: „Na, na, meine Herrn!“

Von Zeit zu Zeit schlug ich meinem Freund vor, die Sache unserem Professor zu beichten, doch war er immer dagegen. „Spinnst du“, sagte er. „Der Kerl lässt uns womöglich die Matura wiederholen. Und unseren Doktortitel nehmen’s uns auch weg, wenn’s blöd hergeht.“ (Mein Freund wurde letztlich Finanzchef in einem großen Unternehmen.) Meinen Einwand, dass es nichts Ungesetzliches wäre, in Mülltonnen zu kramen, ließ mein Freund nicht gelten.

Dieser Coup blieb somit ein Geheimnis, der Professor konnte dieses Rätsel nie lösen. Wir ließen ihn dumm sterben. Die Matura schafften wir dann auch locker, aber nur unter Zuhilfenahme weiterer Tricks, die ich hier nicht verraten darf, weil es mir mein Freund ausdrücklich verboten hat.

© Reinhard Rinnerthaler