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Is everything for the cat?

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Is everything for the cat? | story.one

Wer nach St. Gallen will, muss nicht in die Schweiz reisen, denn auch in der schönen Steiermark gibt es eine kleine Marktgemeinde namens St. Gallen. Diese liegt ca. 20 km nordöstlich von Admont.

Ich war einmal dienstlich dort in der Gegend unterwegs. Am Abend verschlug mich der Hunger in ein uriges Dorfwirtshaus. Ich setzte mich an den einzigen freien Platz.

Mir gegenüber saßen zwei alte Jäger. Ich wollte ein Gespräch beginnen und stellte mich zuerst einmal dumm. Ich fragte: „Wie heißt er doch gleich, der Schutzpatron der Jäger?“ – „Hubertus“, murmelte einer der Jäger in seinen roten Vollbart.

Ich begann dann über den Konkurrenzkampf der zwei himmlischen Patrone für die Jagd zu erzählen. Da gibt es einerseits St. Hubertus, andererseits den hl. Eustachius. Beide haben als Attribut – als Erkennungszeichen – einen Hirschen, der im Geweih ein Kruzifix trägt, und beide sind Schutzpatrone für die Jäger.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Hubertus nur deswegen populärer ist, weil ein Mantel nach ihm benannt wurde.

Da unterbrach mich ein Mann, der abseits saß. Er sprach mit englischem Akzent. Der etwa Vierzigjährige meinte, ich soll doch aufhören, so einen Blödsinn zu reden. „Wer glaubt denn heute noch an the Saints and so forth? Früher einmal ... ja, da waren die Leute noch dümmer, doch today?“

Gelassen antwortete ich dem Herrn im besten Pidgin-English: „Sie glauben also, everything is for the cat? All das wäre für die Katz’? Sicher nicht! Auch außerhalb der Kirchen sehen Sie die Heiligen – entweder an der Kirchenmauer, in Nischen, oder auf dem Friedhof, in Wegkapellen, auf Brücken, da und dort. Für mich ist das ein Kulturgut, das mir meine Altvorderen näher bringt, indem ich erfahre, wie sie mit ihrem Leben umgingen – als es noch kein Gesundheitssystem gab und keine Versicherungen und keine Partnersuchdienste im Internet. Straßen wurden nach ihnen benannt … und erst die vielen Ortschaften. Ich denke da an St. Anton am Arlberg, St. Johann oder hier an St. Gallen.“

Ich sah den Englischsprechenden an und fragte ihn: „Wo wohnen Sie?“ Etwas verlegen antwortete er: „In St. Veit an der Glan.“ Als Computerspezialist hätte er aber gerade hier in Admont zu tun – im reichsten Kloster Österreichs. Die beiden Jäger lachten und nickten mir zu. Einer sagte grinsend: „In St. Veit an der Glan ... hab ich auch schon herumgetan. Des is oba schon a Zeitl her.“ Als ich dann anfing, über den heiligen Vitus, der auch Veit genannt wird, zu plaudern, trank der Englishman sein Bier aus, stand auf und machte sich wortlos davon. Die Jäger baten mich, weiter zu erzählen.

Der hl. Märtyrer Vitus wurde um 304 in einen Kessel mit siedendem Öl gesteckt. Zu seinen Statuen in Kirchen wird ihm als Attribut ein kleiner Kessel beigegeben. Da dieser kleine Topf vom einfachen Volk als Nachttopf angesehen wurde, kam St. Veit zu seinem Patronat gegen das Bettnässen.

Die Jäger luden mich auf ein Bier ein. Es wurde ein lustiger Abend, und der Schweinsbraten der Wirtin war wunderbar.

© Reinhard Rinnerthaler 12.05.2020

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