Terroranschlag in Mittersill?

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Terroranschlag in Mittersill? | story.one

Das Tor zum Gelände der Transalpine Ölleitung GmbH in Mittersill wurde geöffnet, und wir parkten neben dem Ölauffanglager ein. „Also, ohne Waffe! Und hier sind Ihre Dienstausweise als ‚Berufsdetektiv‘ “, meinte Herr Hopfgartner, Leiter eines Innsbrucker Detektivbüros. - Mit einer Waffe, wie sollte denn das gehen? Wir, zwei 25jährige Studenten – als freie Mitarbeiter, hatten doch seit dem Präsenzdienst keinerlei Praxis mehr mit einer Waffe und auch keinen Waffenschein.

Aus dem Bürogebäude trat Ing. Mitteregger vom Wartungszentrum in Jochberg und formulierte nochmals unseren Auftrag: „Meine Herren, Sie bewachen den Öltank während der sechswöchigen Revisionsarbeiten, rund um die Uhr, Frühschicht ab 8 Uhr, Nachtschicht ab 20 Uhr. Das ist eine rechtliche Auflage unserer Versicherung, nicht zuletzt wegen der Terrordrohungen gegenüber Ölgesellschaften in Triest. Aber keine Angst, wir sind hier in Mittersill, trotzdem - ein offener Tank muss vor allem in der Nacht bewacht werden.“

Andreas und ich vereinbarten, dass ich in der ersten Woche den Nachtdienst übernehmen würde, und das bedeutete mit Dienstantritt zuerst die üblichen Routinearbeiten: Anmeldung bei der Betriebszentrale in Matrei i. O., Überprüfung des Drucks in der Ölleitung, Kontrolle der Schleusen (sollte es nach Mittersill ein Leck geben) und die Messung des Gasgehalts am Tankeingang. Danach war in jeder Nachtstunde ein zehnminütiger Rundgang auf dem Gelände vorgeschrieben, wobei ich den Maschendrahtzaun ausleuchtete und an zwei Orten eine Stechuhr bediente.

In der letzten Nacht auf Samstag geschah es dann doch, das heimlich längst Befürchtete, als um 3 Uhr früh im Gebüsch hinter dem Zaun ein verdächtiger Schatten auftauchte. Ich stand auf dem kleinen Damm, der den Öltank umgab. Angst durchfuhr mich, ich atmete kaum. - Ein verirrtes Wild ist das nicht, ein streunender Hund? - Nein, viel zu groß, das ist ein Mensch – oder zwei – vielleicht besoffene Jugendliche nach durchzechter Nacht, die sich einen Scherz erlaubten? Aber die würden sich doch rühren, und diese schwarze Gestalt bewegt sich überhaupt nicht. Mein Körper geriet zur Adrenalinbombe. Soll ich nicht einfach vorbeigehen, so tun, als ob nichts wäre, schließlich bin ich nur für alles innerhalb des Geländes zuständig? - Jetzt geh‘ schon runter, das gibt’s doch nicht - ein Terroranschlag in Mittersill!?

Mein Anspruch, mir keine Blöße zu geben, war letztlich stärker als meine weichen Knie. Ich stieg zur Umzäunung hinunter und leuchtete mit meiner Taschenlampe der dunklen Gestalt direkt ins Gesicht: „Gut gemacht!“, meinte Herr Hopfgartner, „und jetzt öffnen Sie mir bitte drüben das Tor, ich brauche Ihren Bericht für diese Woche.“

© Reinhold Liebe 01.12.2019