Die Nacht auf dem Gipfel

Im Sommer dieses Jahres machten meine Frau, meine Kinder und ich endlich wahr, was wir uns schon seit vielen Jahren vorgenommen, aber aus den verschiedensten Gründen immer wieder aufgeschoben hatten. Wir wollten eine Nacht unter freiem Himmel auf einem Berggipfel verbringen und den Sonnenaufgang auf der Bergspitze miterleben.

So starteten wir am Vorabend in glühender Sommerhitze los und stiegen inmitten von grasenden Kühen und tanzenden Schmetterlingen höher. Nachdem die Sonne glutrot untergegangen war, erreichten wir den Gipfel und suchten uns ein Nachtlager in einer geschützten Mulde. Es war, als ob wir in einer anderen Welt angelangt wären, welche uns durch ihre Ruhe und Erhabenheit, durch ihre einfache Schönheit und lebendige Vielfalt tief beeindruckte. So lagen wir mit unseren Schlafsäcken auf unseren Isomatten und erwarteten das Hereinbrechen der Dunkelheit. In den Tälern waberte der Dunst und die Nacht senkte sich allmählich aufs Land. Bald funkelte der Sternenhimmel über uns. Kein Laut drang von unten zu uns herauf. In einer solchen Umgebung und Situation kamen wir ganz von selbst zur Ruhe. Ich fühlte eine tiefe Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur, die uns für diese eine Nacht als ihre Gäste aufnahm.

Wir versuchten uns im Erkennen der Sternenbilder und dann zogen die ersten Sternschnuppen über das immer dunkler werdende Firmament. Obwohl meine Kinder schon an der Schwelle zum Erwachsensein stehen, waren alle – auch meine Frau und ich – von den verglühenden Grüßen aus dem Weltall aufs Neue fasziniert.

Irgendwann schlummerte ich ein und erwachte mitten in der Nacht vom milden Licht des mittlerweile aufgegangenen Mondes. Ich hatte den Eindruck, mich in einem schummrigen Theatersaal zu befinden. Allerdings war dieser Saal von immenser Weite und nur durch den im fahlen Licht erkennbaren Horizont begrenzt.

Früh am Morgen schlug ich die Augen auf, ich hatte mir den Wecker gestellt, um schon im Dämmerlicht das Farbenspiel des heraufziehenden Morgens miterleben zu dürfen. Schon waren alle Familienmitglieder geweckt und wir suchten uns im Theatersaal der Natur die besten Plätze am oberen Ende einer steil abfallenden Wiese. Langsam färbte sich der Himmel im Osten von einem nur zart angedeuteten orangenen Streifen hin zu rötlichem Licht. Die Berggipfel waren am Horizont als scharf gezackte, auf- und absteigende Linien zu erkennen und schienen sich gleichzeitig hinter morgendlichen Wolkenfeldern verstecken zu wollen. In unserem Theater waren plötzlich auch drei Gämsen zugegen, die sich von uns nicht weiter beeindrucken ließen. Wir saßen und nahmen einfach nur wahr.

Als die Sonne eine Handbreit am Himmel stand, packten wir unsere Sachen und stiegen dem Tal und einem herrlichen Frühstück entgegen.

Meine wiederholte Erkenntnis nach dieser Nacht: Wie wenig ich doch eigentlich zum Leben und Erleben benötige.

© Renardus