Eiszeit (für meine Mutter)

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Eiszeit (für meine Mutter) | story.one

Ich sitze in meinem Lehnstuhl und höre dir zu, aber mein Kopf ist leer, ich lausche deiner Stimme, aber die Worte plätschern an mir vorbei; wie Kiesel kullern sie über steile Hänge und verschwinden in einer tiefen, dunklen Schlucht. Mir ist kalt.

"Mama!" sagst du und ich schaue dich an; es dauert ein paar Sekunden, bis mir dein Name einfällt.

Andrea.

Ich habe Kaffee gemacht. Ich mache gerne Kaffee für uns, auch wenn ich jedes Mal nachdenken muss, wie man die Kaffeemaschine bedient. Träge schieben sich die Gedanken durch mein Gehirn. Die Welt ist so kompliziert geworden.

Henriette wollte heute mit dem Hund kommen, aber ich habe ihr abgesagt.

Du lächelst und fragst mich, wie es im Tageszentrum war. Ganz nett, sage ich, wir haben Karten gespielt. Haben wir heute Karten gespielt? Ich erzähle dir nichts von der Wüste in meinem Kopf, aber ich glaube, du siehst sie trotzdem. Morgen machen wir einen Ausflug, sage ich und bin dankbar, dass du nicht fragst, wohin. Ich gehe jetzt drei Mal die Woche ins Tageszentrum. Der junge Mann vom Fahrtendienst begrüßt mich wie eine alte Bekannte, aber ich habe seinen Namen schon beim Aussteigen aus dem Bus wieder vergessen. Oft machen wir Gedächtnisübungen. Ob es hilft weiß ich nicht. Aber ich habe beim Dosenschießen gewonnen! Wir lachen beide.

Deine Tochter möchte, dass ich für sie eine Mütze stricke. Sie hat ein Foto und die passende Wolle mitgebracht; hübsche weiche Wolle, und so farbenfroh. Drei Mal habe ich schon aufgetrennt und wieder von vorne begonnen. Das Mädchen ahnt nichts von der grauen Leere in mir. Ich möchte die Mütze so gerne für sie fertig machen! Aber dann sitze ich da und starre auf die Wolle und auf die Nadeln in meinen Händen; ich möchte aufspringen und graben und hacken, aber die Eisschicht über meinen Erinnerungen wird immer dicker.

Ständig bin ich auf der Suche nach Dingen und nach Antworten, ständig stolpere ich über einen dieser grauen Felsbrocken, dann irren meine Gedanken umher, hilflos, verloren, so wie ich. Wir wissen die Richtung nicht mehr, wir finden kein Ziel.

Ist das deine Tasche, da an der Garderobe? Nein, die habe ich für Henriette hergerichtet. Wollte Henriette nicht heute zu Besuch kommen? Das hat sie wohl vergessen!

Ich wünsche mir ein großes Foto von dir und den Kindern. Eine Art Eisbrecher, du verstehst schon. Ich habe Angst, dass der kleine Fluss der Erinnerungen in meinem Kopf völlig zufriert. Aber ich will nicht vergessen. Ich will euch nicht vergessen!

Ich schaue dich an, und es dauert ein paar Sekunden, bis mir dein Name einfällt.

Andrea.

Mir ist kalt, Andrea. Mir ist so furchtbar kalt.

© renate schiansky 11.06.2019