zu Hause

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zu Hause | story.one

Zwanzig Jahre habe ich in der Provinz gelebt, es war wunderbar und ich habe mich sehr wohl gefühlt in all der Ruhe und dem vielen Grün. Nun aber waren die Kinder erwachsen, zumindest so halbwegs; beide des Studiums wegen nach Wien übersiedelt und ich, alleine mit meinem Hamster in dem großen Haus, begann alsbald, mit den Zimmerpflanzen zu sprechen. Zeit für Tapetenwechsel; Zeit, ebenfalls wieder in die Stadt zu ziehen. Ja, wieder, denn ich bin in Wien geboren und aufgewachsen.

Also durchforstete ich Zeitungen und Internet nach interessanten Wohnungsangeboten, machte Termine aus und mich auf die Suche nach einer passenden Bleibe für mich, Hamster Molly und meine Blumentöpfe.

Ich fuhr mit der U-Bahn zum Praterstern. Babylonisches Sprachgewirr empfing mich. Ich beschloss, den Rest des Weges zu Fuß gehen; erst ein Stück die Heinestraße entlang, dann weiter durch die verwinkelten kleinen Gassen des zweiten Bezirkes. Der Inder an der Ecke hatte heute Makrele im Angebot. Eine syrische Bäckerei bot Italian coffee to go. Ein paar Schritte weiter entdeckte ich einen türkischen Supermarkt, frisches Obst und Gemüse in Körben und Kisten vor der Türe. Ich konnte nicht widerstehen und kaufte einen Apfel und eine Handvoll Trauben. Der Afrika Shop war noch geschlossen. Schade, ich hätte gerne ein Glas Kaktusfrucht - Marmelade gehabt! Eine Menge junger Leute begegneten mir und ich erinnerte mich daran, dass es hier in der Umgebung immer schon viele Schulen gegeben hatte.

Zwei Mädchen mir Kopftuch rollten auf pinkfarbenen Scootern an mir vorbei, ein baumlanger Kerl, offenbar afrikanischer Herkunft, sprang lachend zur Seite. Der Zweite war und ist ein fröhlicher, bunter Bezirk.

Ich läutete an der angegebenen Türnummer. Ein kleiner Junge öffnete mir, kicherte und sauste auf seinem Bobbycar über den Korridor. Sein Vater, ein Ägypter in traditioneller Djallabija, bat mich in perfektem Deutsch herein und zeigte mir die Wohnung. Er bräuchte mehr Platz, wegen des Kindes. Seine Frau bot mir Tee an, wir unterhielten uns eine Weile und besprachen Ablöse für die Küche und den Termin für die Schlüsselübergabe. Nach einer halben Stunde war alles geklärt, der Vertrag unterschrieben, ich hatte eine Wohnung!

Zur Feier des Tages kaufte ich mir beim Würstchenstand an der Ecke eine Burenwurst und eine Dose Bier.

"Zivjeli!" Der Gast neben mir, offenbar Serbe oder Kroate, prostete mir zu.

Und ich wusste: hier bin ich zu Hause.

© renate schiansky 07.03.2020