Use it or loose it!

Und der Wilfried ist auch gestorben.

Es stiegen mir die Tränen in die Augen. Wilfried, dieses österreichische Urgestein. Schöpfer der Hits meiner Jugend wie „Ziwui, ziwui“ und „Orange“. Ein Mannsbild, wie es im Buche steht. Frecher Kraftlackl. Wie ein Fels in der Brandung.

Vorher schon Georg Danzer und Ludwig Hirsch. Georg Danzer, dessen Tod mich dazu inspiriert hatte, von einem Raucherentwöhnungs-Imperium zu träumen, damit alle gerettet werden. Und keiner mehr am Rauchen krank werden oder sterben muss.

Alles zusammen hatte mir mein Orange verpatzt!

Fünf Wochen hatte ich diesen blöden Gips auf der gebrochenen Hand. Nun war er ab. Und nein, nicht wie gedacht alles palletti und alles ist gut!

Ich probierte einige hundert Meter Autofahren. Es ging. Ich bin nur dankbar, dass auf der Kreuzung kein weiterer Verkehr war. Weil ich beim Drehen des Lenkrads so große Schmerzen hatte, dass ich in der Kreuzung viel Platz benötigte.

Ok, du bist jetzt 56. Ob das wieder wird mit der Hand. Oder soll ich gleich einen Behindertenausweis einreichen?

Mein Liebster nahm mir die meisten Arbeiten ab, sogar bügeln und kochen. So hatte ich genug Muße, um mich gründlich zu bemitleiden.

Genetisch bedingt ist mein Hang zum Bemitleiden groß. Mein Vater war Meister darin. Weil er ja nur einen Fuß hatte, konnte er sich selber keinen Kaffee machen. Das erledigte verständnisvoll meine Cousine und kochte den Kaffee für die ganze Woche vor.

Soweit meine Ausrede. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Ich lag also die meiste Zeit wie eine tote Fliege herum und schonte mich und meine Hand, weil ich Schmerzen hatte.

Staunend schaute ich ein Video auf Facebook von einer Tänzerin, die mit 102 Jahren noch beweglich ist und vor Publikum auftritt.

Ist Alter eine Frage der Einstellung? Oder haben die einen Glück und die anderen Pech?

Und ich bin halt auf der Pechseite mit meiner osteoporotisch gebrochenen Hand?

Der Physiotherapeut hörte sich meine Schilderungen an, dass ich die Gabel nicht zum Mund führen kann, nicht mit 10 Fingern auf der Tastatur tippen, nicht die Jacke anziehen …

„Use it or loose it,“ sagte er. Er erklärte mir, dass es für den Heilungsprozess wichtig ist, die Hand trotzdem zu verwenden. Trotz Schmerzen.

Er zeigte mir Übungen, und sagte, ich solle es trotzdem tun, das was ich glaubte, nicht tun zu können. Wie die Gabel zum Mund führen.

Und jetzt … einige Stunden später … ich tippe schon ganz flott mit 10 Fingern.

Tapfer ertrage ich die Schmerzen. Sind gar nicht mehr so wild, weil ich jetzt weiß, dass sie normal sind.

Da fällt mir der Satz ein:

„Ob du glaubst, du schaffst es, oder du schaffst es nicht. Du hast immer recht.“

Und es braucht immer wieder Menschen, die dir sagen „Yes, you can!“.

© Renate Schmied