1396 Augen starren dich an!

Im Grundstudium ergatterte ich einen der heiß begehrten Plätze in einer Lehrveranstaltung bei einem sehr bekannten und beliebten Professor. Man konnte den Kurs für verschiedene Studienrichtungen als Wahlfach anrechnen lassen, weshalb er im größten Hörsaal der Stadt stattfand, der 700 Studenten Platz bietet, und auch immer ausgebucht war. Als Leistungsfeststellung gab es zum Ende der Vorlesung eine Prüfung. Wenn man ein Referat hielt konnte man sich den Antritt zur Prüfung ersparen. Für 700 Studenten waren ganze 5 Themen zu vergeben und viele wollten lieber ein Referat halten als zur Prüfung zu gehen. Trotzdem bewarb mich auch ich. Ich dachte nur daran am Ende des Semesters eine Prüfung weniger machen zu müssen, alle anderen möglichen Argumente blendete ich aus. Referate machten mir nichts aus, die halte ich aus dem Stehgreif. Woran ich allerdings nicht dachte war, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt vor höchstens 30 Leuten gesprochen hatte. Ich stand also auf dieser Liste und konnte es nicht fassen als bei der Themenvergabe mein Name aufgerufen wurde. So machte ich mich gemeinsam mit einer Kommilitonin an die Bearbeitung unseres Referats.

Als der Termin gekommen war – wir waren ausgezeichnet vorbereitet – begaben wir uns zum Rednerpult des Hörsaals um Computer und Plakate herzurichten. Da kam der Assistent des Professors und steckte mir ein Mikrofon ans Revers meiner Jacke. Ähm – ein Mikrofon? Wie jetzt, was jetzt, wozu denn bitte? Plötzlich dämmerte es mir – ich wagte einen Blick in den Hörsaal, den ich bisher immer nur als einer der vielen Studenten von oben aus betrachtet hatte. FUCK – da sitzen ja knapp 700 Studenten – also genau gesagt 698, weil zwei von uns stehen ja beim Rednerpult. FUCK – 1396 Augen starren dich gleich an, ein paar der zugehörigen Ohren hören vielleicht sogar hin. FUCK – warum hast du nicht früher daran gedacht, du dumme Nuss, was hast du nur getan? Naja, es gibt wohl kein Zurück mehr, panisch aus dem Hörsaal zu rennen wäre deutlich peinlicher als beim Vortrag vollkommen abzustinken. Also Augen zu – oder besser auf - und durch. Ich habe keine Ahnung mehr, was ich eigentlich erzählte, wie es lief, ich funktionierte nur noch, selbst direkt im Anschluss an das Referat fehlte mir die Erinnerung an den Ablauf. Wir bekamen Applaus, aber den bekamen die anderen Gruppen auch, das befahl schon alleine der Anstand.

Nach der Vorlesung fing mich vor dem Hörsaal eine Studienkollegin ab, die ich zwar kannte, der ich aber unter all den anderen Leuten bis dahin nicht begegnet war. Sie sah mich fast schon bewundernd an und sagte „Ich konnte es gar nicht glauben, als ich dich da vorne stehen sah. Ich hätte mich das nie getraut vor so vielen Menschen, du hast das echt toll gemacht, das Referat war super!“ Oh ok – also kann ich nicht so schlecht gewesen sein. Für das Referat erhielten meine Kommilitonin und ich die Note 1 und ich muss ehrlich gestehen, dass ich an dem Tag ein kleines Stück gewachsen bin.

© rennschneck