Besetzung der Mülldeponie Murwald

  • 95

1988 ? Es gab eine Bürgerversammlung in Fohnsdorf, bei der die Volksseele nur so kochte. Der Bürgermeister Rohr überfordert, der Martetschläger Walter kreidebleich. Ich bin dann zu Fuß von Fohnsdorf nach Zeltweg gegangen und da dachte ich mir: Wenn sie mich wegen des Umweltschutzes in den Gemeinderat (von Zeltweg) gewählt haben, muß ich jetzt handeln. Wenn man sich den frisch gerodeten Wald anschaute - drei Hektar immerhin; Endausbau zwölf Hektar, Deponiehöhe 29 m - es war tatsächlich schlimm! Zumindest wenn man ein Herz für die Natur hat wie ich und Gott sei Dank auch viele andere. Und das Grundwasser schützen will. Ein älteres Paar aus Aichdorf war auch dort, er schwarze Haare, sie weiße Haare, vielleicht waren sie Mutter/Sohn. Er - sichtlich erschüttert - presste hervor: "Die Grean wean scho' Modi moch'n!". Etwas später wiederholte er: "Die Grean wean scho' Modi moch'n!". Es klang wie ein Befehl. Mein Bruder organisierte die Basis, ich ließ zwei Gutachten erstellen: ein bautechnisches (Dr. Korber) und ein rechtliches (Prof. Raschauer). Der Zuschauerraum bei der Gemeinderatssitzung war bummvoll. Eine unglaubliche Stimmung. Ich präsentierte die beiden Gutachten.

Dann war es so weit: Am Freitag, 1. Juli: Wir waren immerhin sechs Leute: der Siegfried Fritz, dessen Bruder, der Toni Fritz, der Koch, mein Bruder, wahrscheinlich der Marzellino und ich. Die Nachricht von der Besetzung der Baustelle verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Bauern. Der Bruder eines Bauern schnitt eine riesige Lärche um, zuerst hing sie noch, doch der bärenstarke Toni Fritz riss sie so um, dass sie über dem Zufahrtsweg zur Baustelle zu liegen kam. Innerhalb einer Stunde war der ORF Steiermark vor Ort und hielt mir das Mikrophon unter die Nase. Der Reporter konnte in seinem Gesichtsausdruck die Bewunderung nicht verbergen. Die KPÖ Knittelfeld schickte noch am Vormittag zehn Leute; somit waren wir schon 16. So konnten wir den Freitag über die Runden bringen. Schnell war ein Ziviler der Staatspolizei identifiziert. Das Wochenende galt der Mobilisierung der Bevölkerung. Und das Wunder geschah. Am Montag zeitig in der Früh waren 500 Leute auf der Baustelle. Die Besetzung zog sich über Monate. Es gab viele Pressekonferenzen und unglaubliche Vorfälle: Einmal hat der Bauwerber, der Herr Schöffel, zehn scharfe Hunde schicken lassen inklusive Hundeführern, um das Betonieren der Brücke über die Bahn abzusichern. Der Beton wurde von einem Eisenbahnwagon heraufgepumpt. Der Einsatz der Hunde ließ die Stimmung in der Bevölkerung endgültig kippen. Wir haben den Schöffel dann einmal in Graz getroffen und lange mit ihm in einem Lokal diskutiert. Sehr positiv agiert hat auch der damalige Bezirkshauptmann der BH Judenburg. Im Sommer hat sich ein richtiger Demonstrationstourismus entwickelt. Leute wie der Siegfried Fritz und der Karl Josef Pistrich waren die local heroes. Auch ich konnte mich über mangelndes "positives Feedback" nicht beklagen.

© Richard Krampl 16.09.2020