Grinzing macht es möglich

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Grinzing macht es möglich | story.one

Sepp hatte keinen Führerschein, kein Auto, aber gute Ideen. Ich besaß ein Fahrzeug und wir beschlossen – heute würde man dazu Garagen–Start–up sagen – folgendes: In seinem geerbten kleinen Winzerhof in Oberlaa hatte er eine Werkstatt aus geschnorrten Altmetall eingerichtet: Eine imposante Hebelschere, die einen Besenstiel schnell durchtrennen konnte und das Highlight: ein selbst gebasteltes Sandstrahlgebläse. Es sah aus wie ein Kasperltheater, man stellte ein Objekt in das Gehäuse, setzte Brille auf, schaltete einen Kompressor ein und eine auf das Ziel gerichtete Düse schrubbte dieses ab. Weinwurzelstöcke vom gerodeten Weingarten wurden auf handliche Stücke gestutzt, genauer, es sollten dreibeinige Stücke sein, mit einer glatten Fläche obenauf. Über dreißig Wurzelstöcke wurden so behandelt und dann im oben beschriebenen Gerät glatt geschliffen. Ein gedrechselter Holzteller zum Aufsetzen eines gläsernen Lampenzylinders wurde daran mit einem großen Nagel befestigt, der überstehende Kopf wurde abgezwickt und war bereit zum Aufspießen einer dicken roten Kerze. Die Wurzel mit dem Kerzensockel wurde in Klarlack getaucht.

Fernsehapparate waren damals noch tiefer als sie breit waren, und das Holzgehäuse war für Häkeldeckchen, Plastikgondeln aus Venedig, manchmal auch für porzellanene Zebras oder Augartenlipizzaner gedacht.

Das war unsere Marktlücke. Wir verstauten einen Tapeziertisch mit den Rustikalleuchten in meinem Wagen und fuhren nach Grinzing. Am Grinzinger Platz stellten wir den Tapeziertisch mit den Lampen auf. Die Sonne brannte, kein Mensch interessierte sich für unsere innovative Neuheit. Später, als wir schon heimfahren wollten, kam ein leicht Angeheiterter.

„Des gfollt ma, was kost des?“ Den Preis weiß ich heute nicht mehr, aber der Mann kaufte die Fernsehleuchte.

„Nehme ich, pack es ein!“

An Packmaterial hatten wir natürlich nicht gedacht. Wir wickelten den Glaszylinder in eine Zeitung und drückten dem Mann den Wurzelstock in die andere Hand. Dies hatte das Interesse eines Pärchens erregt und schon war die zweite Leuchte verkauft. Nach der dritten verkauften Leuchte fuhren wir mit der Erkenntnis heim, dass nach einem Heurigenbesuch, wo die Leute vielleicht schon angeheitert sind, das bessere Geschäft zu machen ist. Also am Wochenende um sechs Uhr abends waren wir wieder an diesem Platz.

30 von 31 Fernsehlampen hatten wir bis Sonntag abends verkauft. Vom Gehsteig gegenüber hatte schon seit gestern immer wieder ein Polizist zu uns gesehen. Er kam zu uns und fragte:

„Habt Ihr eine Bewilligung vom Bezirksamt?“

An so ein Problem hatten wir gar nicht gedacht. Aber Sepp erfasste intuitiv die Situation:

„Herr Inspektor, wir machen gerade Schluss. Eine Lampe ist uns übergeblieben. Darf ich sie Ihnen übergeben als Geschenk für Ihre Gattin? Das wird ihr gefallen.“

„Verschwindt's und lasst Euch nicht mehr blicken.“ Der Polizist nahm die Lampe und ging Richtung Grinzinger Allee.

© Richard Wissinger 05.04.2020