Sei der Held in deinem Leben

In einem meiner Schreibkurse hier in Wien besprachen wir unsere Romanideen. Alle Teilnehmer hatten mit demselben Problem zu kämpfen:

Es fiel ihnen schwer, einen Helden zu entwickeln. Alle Helden stolperten unmotiviert durch die Geschichte. Der Ausdruck „es passiert etwas“ war wortwörtlich zu nehmen. Fragte ich nach dem Ziel der Helden, gab es Schulterzucken. Bestenfalls tauchte eine andere Figur auf, die dem Helden sagte, was zu tun sei. Niemand war wirklich ein Held, eher ein Sklave.

Der alles verändernde Moment ereignete sich kurz vor dem Ende der Stunde. Uns blieben gerade noch 10 Minuten, um eine weitere Romanidee zu besprechen. Ich fragte: „Wer will?“ Die Antwort war Schweigen. Währenddessen verstrich wertvolle Zeit. Das ärgerte mich. Denn obwohl alle gekommen waren, um Hilfe bei ihren Ideen zu bekommen und sehnlichst auf Input warteten, zögerten sie jetzt und verspielten damit ihre Chance. Verzweifelt sagte ich: „Leute, bitte, jetzt seid doch mal selbst ein Held! Wer will?“

Schweigen. Ich musste wählen. Das machte mich nachdenklich. Woher kam diese spürbare Angst vor der Entscheidung? Ich fragte mich: Kann es sein, dass es uns so schwerfällt, einen Helden zu entwickeln, weil wir selbst nie gelernt haben, einer zu sein?

Fakt ist, wir alle führen ein ziemlich unbeschwertes Leben. Es gibt eine Krankenversicherung, Arbeitslosengeld, Sozial- oder Notstandshilfe, fließendes Wasser, genug zu essen. All das können wir haben, ohne groß etwas dafür tun zu müssen. Ständig ist jemand da, der dafür sorgt, dass wir etwas tun. Wir werden in die Schule geschickt. Die Schule schickt uns zur Berufsinformation. Die Berufsinformation schickt uns in unseren Job … Ja, sind wir mal ehrlich zu uns selbst, erkennen wir, dass wir ziemlich leicht ein relativ gutes Leben führen können, ohne Entscheidungen zu treffen. Aber macht das glücklich?

Helden würden niemals andere für sich entscheiden lassen. Sie gehen voran und stehen für ihre eigene Überzeugung ein. Sie würden niemals schweigen, wenn ich fragen würde: „Wer will?“ Im Gegenteil, Katniss Everdeen meldete sich in den Tributen von Panem freiwillig für den Kampf um Leben und Tod, um ihre geliebte Schwester zu schützen. Keiner meiner Kursteilnehmer war von dem Tod bedroht. Woher also diese Angst? Oder anders gefragt: Woher nehmen Helden ihre Kraft? Wie schaffen sie es, ihre eigenen Ängste zu überwinden?

Helden besitzen eine Geheimwaffe. Helden haben ein Ziel. Das Ziel schenkt ihnen Hoffnung und Zuversicht. Das Ziel gibt ihnen die Stärke, über sich hinauszuwachsen und Niederlagen zu ertragen. Das Ziel weist ihnen den Weg zu sich selbst, zum Klang ihres Herzens und zum Sinn ihres Lebens.

Was ist dein Ziel? Kämpfe dafür!

Ich weiß, es gibt keine Garantie dafür, sein Ziel zu erreichen. Im Leben kommt es immer anders als geplant. Aber wer will eine Geschichte lesen, die verläuft wie geplant? Das hier ist dein Abenteuer! Und alles wird am Ende gut. Ist es das nicht, so ist es nicht das Ende.

© RINDLERWAHN-schreibverrückt