Drachenwand

Draußen war es noch stockdunkel. Kein Wunder, es war ja gerade erst fünf Uhr. Trotzdem lag ich schon einige Zeit wach. Schlafen konnte ich jetzt nicht mehr, denn in meinen Gedanken wühlte schon die Ungeduld. Die Vorfreude war einfach unermesslich. Ich wollte wieder auf die Drachenwand, auf die fast senkrechte Felswand, die das eindrucksvolle Panorama am Westufer des Mondsees dominiert.

Auf die Drachenwand bin ich immer schon hinaufgegangen. Schon als Jugendlicher. Damals war es noch ein kleines Abenteuer. Später, als ich den Weg dann schon auswendig kannte, war es mehr das Abschalten vom Alltagsstress, die Gedanken ordnen oder einfach der Ausgleich zur täglichen Hektik. Aber im Laufe der Zeit spielte plötzlich auch der sportliche Anreiz eine Rolle. Ich nutzte den Aufstieg auch als Trainingsform, um die Grundlagenausdauer zu verbessern. Oft ging ich alleine hinauf, manchmal auch zu zweit oder in einer Gruppe. Ich ging zu allen Jahreszeiten, im Frühling und im Sommer noch schnell nach der Büroarbeit, im Herbst und Winter gemächlich am Wochenende.

Erwartungsvoll machte ich mich auf den Weg. Wenn der erste Lichtkegel der Morgensonne über dem Horizont sichtbar wurde. Wenn noch alles ruhig war. Wenn in den Häusern kaum noch Licht brannte.

Langsam stapfte ich hinauf. Vom Gasthaus Drachenwand, weiter über einen Kiesweg. Dann auf dem angenehmen Waldboden, vorbei an der Theklakapelle, über eine kleine Brücke und nach knapp zwanzig Minuten gelangte ich an eine Kreuzung . Ich hielt mich links, ich ging den gewohnten Weg.

Die ersten Tropfen bildeten sich ob des gemächlichen Tempos bereits auf der Stirn. Aber bald kam ich zu den ersten Hilfestellungen, den Seilen und den Leitern. Langsam und konzentriert stieg ich die Sprossen empor und bald wartete auch schon eine Belohnung bei "Hildes Rast". Der erste Blick über die herrliche Landschaft.

Nach einigen Minuten Pause stieg ich den Weg über die Wurzeln der Fichten im steilen Waldgebiet in Serpentinen weiter hinauf. Und bald hatte ich die erste Anhöhe erreicht und ich musste nun wieder den Berg hinab. Das ist das Einzigartige auf diesem Aufstieg zum Gipfel. Man geht zuerst hinauf, um danach wieder ein wenig hinunter zu gehen. Unten angekommen gelangte ich zum Klausbach, bei dem ich mich nochmals stärkte.

Dann stieg ich also ein zweites Mal hinauf und schließlich konnte ich den Gipfel schon erahnen. Ich gelangte vom Waldweg auf den Felsenstein. Es war so ruhig. Ich hörte nichts außer den eigenen Atem. Und als ich durch die Bäume das Gipfelkreuz erspähte, dann war ich bald angekommen. Die Sonnenstrahlen brachen über die Gipfel der hinteren Bergketten und spiegelten sich im See. Ich ging oben am Kamm entlang. Hinüber zum Gipfelkreuz. Dort setzte ich mich nieder. An meinem Lieblingsplatz. Und dann ruhte ich mich aus und genoss in dieser Stille den Ausblick über die umliegende Landschaft. Sie wirkte an diesem Morgen wie hingemalt, so frisch und so vertraut. Und ich schmunzelte.

© Robert Kalleitner