Endorphine

Etwas gedankenverloren schlenderte ich früh morgens durch die menschenleere Getreidegasse. Ich ging zum Startbereich meines ersten Ultramarathons. Und dabei hatte ich die innere Bereitschaft, mich auf den langen 56 Kilometern zu schinden, zu quälen und nicht aufzugeben. Aber ich habe mich gut vorbereitet und so startete ich mit den anderen Teilnehmern vom Residenzplatz in Salzburg.

Die Spitzengruppe setzte sich sofort ab. Ich befand mich etwas dahinter. Jeder versuchte sein eigenes Tempo zu finden und nach fünf Kilometer führte die Strecke in den Wald hinein. Hier begann es plötzlich wie in Strömen zu regnen. Ich fühlte mich allerdings erstaunlich locker und deshalb behielt ich mein Tempo bei.

Danach liefen wir über nasses Gras und Feldwege und schließlich wieder in den Wald. Es ging steil bergab. Hier achtete ich besonders auf die Baumwurzeln und versuchte, mit den Schuhen nicht abzurutschen. Teilweise versetzte es mich um einige Zentimeter. Der Regen war noch immer ein ständiger Begleiter.

Nach 16 Kilometer überquerte ich in Koppl die Zeitmatte. Ich war knapp vier Minuten schneller als mein ambitionierter Plan vorgab und so verringerte ich mein Tempo bis nach Fuschl am See. Dort wartete ein psychologischer Motivationsschub. Schon von weitem konnte ich meinen Bruder erkennen, der auf mich wartete. Er lief mir entgegen und klatschte mich ab. "Super in der Zeit. Genau im Plan!" spornte er mich begeisternd an. Ich ballte die rechte Faust und fühlte die Endorphine im Körper.

So lief ich den See entlang weiter. Mittlerweile war ich völlig durchnässt und meine Schuhe quietschten. Ich spürte auch ein Blase an der rechten Ferse. Und nun wurde es immer härter. Ständig lief ich nur bergauf und bergab. Und fünfzehn Kilometer vor dem Ziel erreichte ich meinen emotionalen Tiefpunkt. Die Beinmuskulatur schmerzte stark und ich spürte ein dumpfes Ziehen. Aber ich wollte nicht aufgeben und bestärkte mich immer wieder dadurch, dass mich noch kein anderer Läufer überholte. Alleine lief ich weiter. Es war kalt und es mich fröstelte im leichten Wind. Und der Regen prasselte noch immer unaufhörlich herab.

Bei Harbach wartete nochmals meine Familie auf mich. Sie feuerte mich lautstark an und mein Bruder rief: "Weiter so, du bist noch super im Rennen!" Plötzlich spürte ich wieder die Endorphine. Mein Tiefpunkt war nun überwunden. Die Muskulatur schmerzte zwar noch, aber ich kam dem Ziel immer näher. Meine Psyche glich sich der Streckenführung an. Auf und ab. Mental war ich wieder ganz oben.

Aber der Kapuzinerberg musste noch bewältigt werden. Entkräftet stapfte ich die Stufen hoch und auf der anderen Seite wieder hinunter. Einige Touristen wunderte sich. Andere feuerten mich an. Es waren jetzt noch ein paar hundert Meter ins Ziel.

Über die Salzach zum Residenzplatz genoss ich den Applaus der Zuschauer und mit gestreckten Armen lief ich nach mühevollen fünf Stunden und vierzig Minuten durch den Zielbogen in die Arme meiner Familie.

© Robert Kalleitner