Interrail

Interrail. Das klingt nach Sonne, Meer, Lebenslust, Party und gute Laune. Mit dem Rucksack starteten wir in Salzburg unsere Interrailreise bis ans westlichste Ende Europas. Und wieder zurück. Dieser Trip war unsere Fahrkarte ins Abenteuer des Sommers.

Es war eine Reise in die tägliche Freiheit und ins Ungewisse. Ungewiss, weil wir morgens nie wussten, wo wir abends schlafen und was wir währenddessen alles erleben sollten. Zeit verlor jegliche Bedeutung. Stress war irrelevant. Langeweile ebenfalls. Sollten wir einen Zug verpassen, nahmen wir einfach die nächste Verbindung. Oder wir blieben noch einen Tag länger. Ganz nach Lust und Laune.

Die Bahnhöfe waren unsere Konstante. Manche waren so groß wie Kathedralen. Wie riesige Reisepaläste türmten sie sich auf. Andere wiederum waren einfach, schlicht und unscheinbar. Die Wartezeit wurde währenddessen mit der Gitarre und der Mundharmonika überbrückt. Den Soundtrack lieferte unvermutet unser damaliges Idol Neil Young: "My, my, hey, hey. Rock and roll is here to stay." Dieser Song begleitete uns während der gesamten Reise und wurde irgendwie unser Motto.

Ein weiterer Grundsatz unserer Reise lautete: niemals in einem Hotel oder einer Herberge, sondern immer unter freiem Himmel schlafen. Und so kam es, dass wir einmal spät abends in Cadiz mit unseren Gitarren und Rucksäcken durch die spanische Nacht irrten und dringend einen Schlafplatz suchten. Der Magen war gefüllt mit Tapas, die Beine wurden immer müder und die Schultern schmerzten schon ein wenig vom vielen Gepäck am Rücken. Und wir fanden einfach nirgendwo eine sichere Schlafgelegenheit.

Plötzlich erhaschte ich hinter einer etwa eineinhalbmeterhohen Steinmauer einen Blick auf eine saftig grüne Wiese. Hinter der Grünfläche befand sich ein großes, altes Gebäude. Und in dieser pulsierenden Stadt konnte man in dem Haus nirgendwo Licht erkennen. Alles war ruhig und verlassen. Es schien völlig unbewohnt zu sein.

„Komm, hier sieht uns keiner, da klettern wir kurz rüber!“ war ich voller Euphorie und der hoffnungsvollen Aussicht auf ein paar Stunden zum Ausruhen.

„Nein, das können wir nicht machen, wenn uns da jemand erwischt.“ hörte ich zur Antwort. Aber da war ich schon auf der anderen Seite der Mauer. Und so wurde der Schlafplatz für diese Nacht fixiert.

Was danach folgte war die pure Erleichterung. Voller Vorfreude legten wir unsere Isomatte aus und legten uns völlig erschöpft in unseren Schlafsack. Aber wir achteten auch darauf, dass wir jederzeit sehr rasch unser Gepäck nehmen und wieder verschwinden könnten. Es fühlte sich alles irgendwie aufregend und abenteuerlich an.

Erst am nächsten Morgen bemerkten wir noch schlaftrunken, dass nur wenige Meter neben uns einige Nonnen umher huschten. Da wurde uns sofort klar, dass wir ungewollt in einem Kloster übernachteten. Erschrocken flüchteten wir innerhalb kürzester Zeit wieder über die Mauer.

Und im Hintergrund hörte ich noch das leise Kichern der Nonnen.

© Robert Kalleitner