Kräfteraubend

Ein Marathon gilt als Synonym für Langatmigkeit und Ausdauerfähigkeit. Aber auch als anstrengend, kräftezerrend und mühsam. Fordernd und elektrisierend zugleich.

So war es auch bei der österreichischen Marathon-Staatsmeisterschaft. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen und folgte meinem Trainingsplan mit einer kontinuierlichen und leistungssteigernden Vorbereitung.

Vor dem Start traf ich einige bekannte Lauffreunde und wünschte Ihnen noch viel Erfolg. Der Startschuss erfolgte pünktlich und nach dem ersten Kilometer schloss ich mich einer kleineren Läufergruppe an. Das Tempo war um einige Sekunden schneller als geplant, aber durch die Anfeuerungsrufe vieler Schaulustiger und dem Adrenalin in meinen Adern konnte ich das Tempo beinahe spielerisch halten. Ich fühlte mich entspannt und topmotiviert.

Nach zwanzig Kilometern war die erste Runde bald absolviert und ich lief zum ersten Mal auf dem Kopfsteinpflaster zum Linzer Hauptplatz. Dabei kontrollierte ich meinen Laufschritt und meine Atmung. Nach wie vor fühlte ich mich locker und konnte jederzeit das Tempo verschärfen. Die Zuschauer am Streckenrand feuerten uns lautstark an und gaben mir die nötigen Impulse. Die Wetterlage war weiterhin sehr angenehm. Es war ideales Laufwetter und ich hatte mich bei allen Labstellen sehr gut mit Flüssigkeit versorgt. So lief ich die nächsten zwölf Kilometer locker weiter, bis es mir plötzlich schwerer fiel das geplante Tempo zu halten.

Aber in dem Bewusstsein ein zeitliches Guthaben aufgebaut zu haben, reduzierte ich meine Geschwindigkeit. Und ich bereitete mich gedanklich noch auf zehn harte Kilometer vor.

Völlig unerwartet hörte ich aber plötzlich nach etwa fünfzehn Minuten hinter mir ein lautes, eher rhythmisches Trommeln. Erschrocken drehte ich mich um und bemerkte eine Traube von Läufern. Durch die Ballung der zehn bis zwölf Marathonläufer entstand dieses geräuschvolle Hämmern auf dem Asphalt. Kurzerhand versuchte ich, mich dieser Gruppe mit der ausgegebenen Zielzeit von drei Stunden anzuschließen. Bald musste ich jedoch erkennen, dass ich auf Dauer nicht mehr mithalten konnte. In meinem Kopf spielten sich nun Dramen ab. Ich wollte doch den Marathon unbedingt unter drei Stunden beenden. Für mich war es ein psychischer Genickbruch. Nun war klar, dass ich meine geplante Zeit nicht mehr erreichen konnte.

Meine Wahrnehmungsfähigkeit nahm nun auch kontinuierlich ab. Ich hatte einen Tunnelblick. Es waren noch wenige Kilometer bis zur Ziellinie, aber es dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Die Zuschauer und die Anfeuerungsrufe nahmen wieder zu, aber ich hatte keine Kraft mehr. Die Zeit war mir nunmehr egal.

Arme, Schultern, Beine und sogar die Sohlen schmerzten enorm. Aber auf dem letzten Kilometer konnte ich noch ein Mal beschleunigen und die Zuschauermenge trug mich über das Kopfsteinpflaster bis ins Zielstadion.

Und nach drei Stunden und zwei Minuten war ich endlich im Ziel.

Persönliche Bestzeit

© Robert Kalleitner