Street Fighting Man

Es geschah bei einer kleinen Party. Alle Kinder schliefen fest. Drei befreundete Paare, verschiedenste Interessen. Wir saßen im Wohnzimmer. Das Licht gedimmt. Jeder ein Glas Rotwein. Van Morrison krächzte und stöhnte im Hintergrund auf dem Plattenteller. Wir diskutierten und philosophierten über verschiedenste Themen. Wirklich über alles Mögliche. Über Einschlafrituale, über Lieblingsbücher, über Reinigungsmittel, über Musikfestivals, über vegane Ernährung, über die Frage wie gesund es ist, einmal pro Woche in das Schwimmbad zu gehen, und dann kam plötzlich die Frage: "Du fährst ja auch mit dem Rad, du hast ja ein Rennrad, oder?"

Alle Augen richteten sich auf mich. Und ich merkte schlagartig, dass nun ein Thema gestreift wurde, für das sich keiner der Anwesenden auch nur im Ansatz beschäftigte. Und ich versuchte ihnen etwas von meiner Leidenschaft zu vermitteln. "Ja", anwortete ich zögernd.

Und dann referierte ich, steigerte mich in einen kurzen Monolog und begann: "Beim Radfahren kann ich die Zeit einfach genießen, einfach nur für mich sein. Ich kann wählen, ob ich nur am Sattel sitze und dahinrolle oder ob ich mich anstrenge. Denn wenn ich mich wirklich anstrenge, fühle ich mich wie in einer Blase, in einer geschlossenen Blase. Und ich konzentriere mich einfach nur auf den Tritt, auf die Geschwindigkeit und auf meinen Körper. Wie geht es meinen Beinen, wie geht es meinem Rücken, wie geht es meinen Armen? Kann ich den Anstieg in vollem Tempo hinauftreten? Da ist ein ständiges Gespräch. Ich liebe die Geschwindigkeit, ich fühle den Fahrtwind, wenn ich mich am Rande der Kontrolle über das Rad befinde. Aber nie darüber hinaus. Und es ist nicht nur der physische Teil. Es ist definitiv mehr. Für mich ist es auch eine emotionale Sache. Es ist auch eine riesige Ideenquelle. Ständig bekomme ich neue Gedanken, neue Ideen. Ich schmiede neue Pläne. Und manchmal ist es einfach nur unglaublich befreiend. Ich fahre auch gerne die Berge hinauf, und wenn ich oben bin, ist es oft eine Erleichterung. Dann schaue ich mich um. Es ist immer die gleiche Landschaft, die gleiche Straße. Aber jedes Mal ist es ein anderes Gefühl. Am Morgen, nachmittags oder abends. Da gibt es ja auch immer Veränderungen. Von der Temperatur, von der Tagesverfassung. Für mich ist es immer einzigartig. Und ich freue mich bei jeder Abfahrt auf das Heimkommen und auf das Wohlgefühl, das dabei durch die körpereigenen Glückshormone ausgelöst wird."

"Hört sich spannend an." war dann die einfache Antwort. Und ich dachte mir, so habe ich es eigentlich noch gar nicht gesehen, so war es mir noch gar nie bewusst. Und mit einem Mal hatte ich das Gefühl, alles darüber gesagt zu haben. Mein einem leeren Glas Rotwein in der Hand.

Und plötzlich war es still. Das letzte Lied der Platte war zu Ende gespielt. Der Tonarm am Plattenteller führ in seine Ausgangsposition zurück. Ich stand auf und wählte eine neue LP, und entschied mich für die Rolling Stones - Street Fighting Man.

© Robert Kalleitner