Von Papierfliegern und neuen Blickwinkeln

Die Berge haben mich ja nie losgelassen. Früher war ich dort sowieso viel unterwegs. Zum Wandern. Oft stand ich mit der Sonne auf und eine halbe Stunde später ging es mit vollgepackten Rucksack los.

Aber Klettern wäre auch eine coole Sache, dachte ich mir. Und so packte ich also unverhofft die Gelegenheit beim Schopf und schon war ich in der Kletterhalle beim Schnupperkurs.

Ein bisschen nervös war ich dann aber schon. Ganz ungewohnt in den engen Kletterschuhen. Ehrfürchtig schaute ich nach oben. Ich bekam langsam Zweifel. Aber ich hatte schließlich gar keine Zeit mehr, länger darüber nachzudenken. Der Trainer erklärte uns die Sicherungstechnik, die Unterschiede zwischen Vorstieg und Toprope und gab einen kurzen Überblick über die verschiedenen Schwierigkeitsgrade.

Ich legte den Klettergurt an, prüfte gefühlte hundertmal, ob er ja fest genug saß, klinkte das Sicherungsseil in die Karabiner und hüpfte noch ein paarmal etwas unsicher am Stand herum.

Mit gemischten Gefühlen startete ich so meine ersten Kletterversuche. Zu Beginn fühlte ich mich sehr gut. Aber mit zunehmender Höhe wurde es immer schwieriger für mich. Manchmal machte ich einen kurzen Trittwechsel und musste meine Griffe immer wieder neu abwägen. Alle Entscheidungen traf ich sekundenschnell. Aber nach etwa acht Meter Höhe musste ich kurz innehalten. Ich war mir nicht sicher, wohin ich nun steigen sollte. Ich blickte kurz hinunter und sah nur lächelnde Gesichter. Meine Beine zitterten jedoch und ich zweifelte, ob ich den nächsten Haltegriff gut erreichen könnte.

Ich fasste aber allen Mut zusammen und zog mich so schnell wie nur möglich mit aller Kraft beim nächsten Griff hinauf. Es hatte geklappt, aber ich spürte mein Herz heftig klopfen. Es bildete sich etwas Speichel im Mund. Ich schluckte und konzentrierte mich wieder.

Vorsichtig kletterte ich weiter. Oben angekommen, drehte ich mich behutsam um und blickte hinunter. Und dann, und ich wusste nicht weshalb, aber plötzlich dachte ich: "Ein Papierflieger würde hier sicher super hinunterfliegen." Wahrscheinlich lag es daran, dass ich damit ein paar Tage zuvor mit meiner Tochter spielte. Ich stellte mir vor, wie er langsam hinuntergleiten würde. Und ich erhielt in dieser Höhe einen völlig neuen Blickwinkel. Ich fühlte mich frei und sorglos. Der Alltag schien mir meilenweit entfernt. Monatelang beschäftigte mich schon ein Problem, aber in zwölf Meter Höhe war es mir völlig egal. Dann fiel mir ein, dass die anderen auf mein Zeichen warten und ich lies mich in das Sicherungsseil fallen. Die Füße waren an die Wand gestemmt und langsam wurde ich wieder abgeseilt. Am Boden merkte ich erst, dass meine Unterarme gehörig zitterten und ich nur mit Müh und Not die Karabiner wieder öffnen konnte. Erleichtert legte ich den Sicherungsgurt ab und übergab ihn dem nächsten Teilnehmer.

Zum ersten Mal stieg ich also eine Kletterwand hinauf. Und es war eine Mischung aus Mut, Geschicklichkeit und neuen Blickwinkeln.

© Robert Kalleitner