#diagnosemensch #eigenartig #lebensmitteplus

Ziele und Nächte!

  • 228
Ziele und Nächte! | story.one

Jede Nacht liege ich wach in meinem Bett. Den Blick auf das höher liegende Fenster gerichtet. Die gelblichen Scheinwerfer brechen durch die Gitterstäbe und erhellen den Haftraum. Jede Nacht, immer wieder, kommt mir meine Tat in den Kopf! Ich spiele sie in jeden Einzelheiten durch, immer und immer wieder.

Fragen quälen mich. War das richtig? Konntest du nicht anders handeln, gab es nur diesen einen Weg? Warum hast du das gemacht? Gedanken über die Familie schleichen sich langsam dazu. Wo ist meine Familie? Gibt es sie überhaupt noch. Habe schon jahrelang keinen Kontakt mehr mit ihnen. Meine Tochter, meine Sohn, wo sind sie, wie geht es ihnen? Habe sie jahrelang im Stich gelassen. Nur mein Leben gelebt. Meine Gefühlsarmut ließ ich sie spüren. Vernachlässigt habe ich sie über all die Jahre. Das Aufwachsen meiner beiden Kinder ging an mir vorbei.

Was habe ich nur getan? Heute sind sie erwachsen, ich spüre keine Bindung an sie. Wie Fremde in einer verlorenen Welt. Es zerstört mich innerlich!

Schlechtes Gewissen drängt sich auf. Langsam stellt sich Selbstmitleid ein. Kurz bevor ich darin total versinke, stoppe ich und erkläre mir selbst, in einem scharfen Ton: „Du bist an dieser Situation selbst schuld!“ Aber reicht das aus. Irgendwie kann ich mit dem Schuldeingeständnis nichts anfangen. Man hat doch immer Träume und wenn sie nur darin bestehen, dass einfach ein Mensch da ist, der an mich denkt. Ich habe nichts! Mir bleibt nur diese Welt und die Hoffnung bei meiner nächsten Entlassung, endlich den Absprung zu schaffen. Ohne Hilfe, aus eigener Kraft muss es mir irgendwie gelingen.

Habe die Scheinwerfer satt, die Uniformen, dass Schlüssel rasseln, die zackigen Ansagen der Beamten und die versperrten Türen. Arbeiten muss ich, viel arbeiten. Muss mir für die Entlassung Geld sparen, muss dieses Mal alles genau planen und umsetzen. Es ist schwer fünf Jahre ohne einen freien Tag durchzuarbeiten, um das Ziel zu erreichen. Die ganzen Jahre immer fokussiert auf dieses eine Ziel, nie aufgebend, nie den Weg verlassend.

Ich habe es geschafft, ich LEBE! Kleine Wohnung konnte ich anmieten, bin fort aus der Heimatstadt. Andere Umgebung, fremde Leute. Keine Vorurteile, außer das ich nur ein „Zuagraster“ bin. Kann damit leben. Fühle mich befreit und glücklich. Ich gehe in den Wald wann ich will, in die Stadt oder einfach nur spazieren. In den ersten Tagen in Freiheit, verließ ich um 22 Uhr die Wohnung, um das Gefühl der Freiheit in mich aufzusaugen. Ich stand nur vor der Haustür und betrachtete den Sternenhimmel.

Erst da begriff ich so richtig, was ich in all diesen Jahren verpasst hatte. Es war nicht das Geld, dem ich sooft nachjagte, es war die Natur, die Bäume, Wälder, Gräser und Berge, die mich erst so richtig Leben lassen. Leider hatte ich in meinen ganzen Leben meine Wertigkeit auf falsche Dinge gelegt und begreife erst im Alter den eigentlichen Sinn des Lebens! Spät aber doch!

….Und vielleicht meldet sich doch noch wer von meiner Familie!

© Robert Strasser 23.08.2020

#diagnosemensch #eigenartig #lebensmitteplus