i can

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i can | story.one

die Story ist jetzt folgende: meine damalige Freundin supersportlich und jeden Tag Bauch- Bein-Po und Rückenfit und Gym und Dance und Walk und Swim und Fly und ich weiß nicht was noch so an Stunden und dann natürlich willst du auch nicht mit Bierbauch und Zigarette und Chips nur zu Hause. Da willst du auch einen auf sportlich und gehst natürlich mit ins Studio. Nicht dass du dort die Liebe deines sportlichen Lebens findest. Da hab ich dann die Qual der Wahl. Kaffee und Kuchen auf der Terrasse mit Blick auf die alte Donau oder Sauna mit Blick auf auch Nichttrainierer oder halt trainieren. Und weil die Aussicht auf viel Bauch, dünne Haxn und kan Orsch nicht so anziehend, doch letzteres. Damals die Asteln noch nicht so und deshalb einen großen Bogen um die Hanteln. Da wurde gestemmt, nicht Wände sondern Gewichte, da ist mir schon beim Zuschauen was ausgekommen. Frage nicht. Tät ich dir hier eh nicht sagen was. Aber Laufband schon sehr gut. Weil da kannst du den anderen zuschauen und glauben, auch sehr sportlich. Na und weil jeden Tag Kilometer um Kilometer stupide am Band dann irgendwann die Frage: warum mach ich das eigentlich, weil nicht machen ja auch nicht schlecht. Ein Ziel braucht der Mann. Und wenn, dann eines, dass nicht so leicht und schnell erreichbar. Marathon. Das Ziel ist gesteckt. Und wenn du dann so ein Ziel in 42,21 km vor Augen hast, dann kannst dich noch so beeilen. Das dauert. Der Lauf dann sowieso. Es waren damals nur ein paar hundert Verwegene die sich da vor Schönbrunn die Brustwarzen, nein nicht massiert, eingschmiert haben und sich auf das gefreut haben was sie in den nächsten Stunden so erwartet. Meine Gedanken eher "a Wahnsinn, so viel Deppen gibts und ich dabei". Sogar aus dem Ausland kommens zu uns nach Wien zum Rennen. Wien ist ja wunderschön, aber das kann Mann und Frau und Kind sich auch anders anschauen. Im Fiaker z.B. oder Hop on Hop off, oder nur mit Hop-Hop-Hop am Straßenrand. Wurscht, Startschuss und los geht´s. Wien ist wunderschön, ich kenn´s zum Glück schon, weil jetzt kein Sightseeing. Eher schaun, dass die Luft und Kraft nicht ausgeht. Nach ungefähr 3 Kilometer das erste Mal so Gedanken wie "was mach ich hier und warum mach ich das überhaupt". Das Wiental sehr schön, mit dem Auto, laufend naja. Dann aber schon bald wieder Schönbrunn, das naturhistorische Museum, Mariahilferstraße und dann erste Glücksgefühle. Die kommen - echt - vergehen aber leider wieder und kommen wieder, um irgendwann, viel zu früh, für fast immer zu verschwinden. Ring, dann durchs Rathaus mittendurch, Weltklasse. Neunter Bezirk, Prater. Urzach und Urdurst, aber heute leider kein Bier im Schweizerhaus und dann Lusthaus, wobei von Lust keine Spur mehr. Retour zum Ring. Und jetzt passiert was, pass auf. Irgendwo im 1. Stock ein Lautsprecher und Stones und "you can´t always get what you want" volles Rohr. Im Ohr, im Kopf, im Körper. Die letzten Kilometer reines Lustwandeln und volle Kraft voraus bis ins Ziel weil Yes Wien,i can always get what i want

© Roland Kiefer