Nix Problem

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Nix Problem | story.one

Oma lebt nun schon seit fast 92 Jahren. Immer in Österreich. Immer in Baden bei Wien. Ich auch. Ich natürlich nicht seit 92 Jahren, weil das geht sich als 68ger Jahrgang technisch irgendwie nicht aus. Zum Glück. Aber Oma schon. Ich muss dir noch sagen, dass das eigentlich nicht meine Oma ist, sondern die Oma meiner Frau. Tut aber nichts zur Sache. Nur damit dein Bild kein falsches ist. Und alle, also fast alle, die Baden als Zentrum ihres Lebens auserwählt haben, jetzt ist es wurscht ob du hier geboren bist oder nicht, sprechen so, wie es in der Schule gelehrt wird. Nach der Schrift. So wird es zwar in ganz Österreich, aber irgendwie setzt sich Andernorts oft ein Dialekt durch. Mancherorts sogar so, dass du glaubst, du bist überall, nur nicht in Österreich. Da verstehst du gar nix mehr. Da hast du ein Ost-West Gefälle, da ist die Streif eine Zwergerlwiese. Zum Beispiel versteh ich, obwohl noch immer Österreich, die Vorarlberger so gut wie Chinesen. Gar nicht. Umgekehrt aber verstehen die mich schon. Unfair gell.

Jetzt passiert es mir schon wieder, ich verzettl mich total. Was ich dir erzählen will ist Folgendes. Oma hat nach einem unfreiwilligen Aufenthalt im Spital, sie ist, musst du wissen, in eine Glastüre gestürzt und hat sich dabei ein paar Rippen geprellt. Bei der Untersuchung hat man aber nicht nur das, sondern auch Wasser in der Lunge festgestellt und schwuppsdiwupps, hat man Oma in ein Bett und Vollpension und nette Bettnachbarin und so. Nach ein paar Tagen Wasserlassen, weil nicht nur in der Lunge, auch in den Beinen und Händen, du weißt schon, hat man sie in Häusliche 24Stunden Pflege entlassen. Nicht dass die schon gewartet hat. So einfach war das nicht. Die haben wir in der Zeit, in der sich Oma hat entwässern lassen, gesucht und zum Glück auch gefunden.

Eine Perle, da willst du selber auch gleich ein Pflegefall sein. Da würdest du dich auch gerne waschen lassen, frage nicht. Und dann kann sie auch noch kochen. Da blüht die Oma auf wie ein Primel im Frühling. Aber nicht nur, dass sich die Fee um das leibliche Wohl kümmert, sie kümmert sich auch um Omas Rhetorik.

Und das ist jetzt interessant. Da hat die Oma 92 Jahre gebraucht um der deutschen Sprache in all ihren Facetten mächtig zu werden,um dann, natürlich altersbedingt, alles in kurzer Zeit wieder zu verlernen. Oma hat bis vor kurzem fast nichts mehr gesagt. Plaudern Fehlanzeige. Da werden so Gespräche dann schnell sehr einseitig. Und dann kommt jemand, der Deutsch erst seit ein paar Monaten spricht, also spricht ist vielleicht schon zu viel gesagt, und lernt der Oma in 2 Wochen eine völlig neue Sprache.

Da waren wir schon ein wenig überrascht, als wir auf unsere Fragen wie z.B. "hast du heute schon was gegessen?" Antworten wie: "heute nix essen, noch nix hunga ich" bekommen haben.

Seitdem spricht Oma in ihrer neu erlernten Sprache mit uns und ihrer neuen Freundin.

Und weil es ihr jetzt wieder so gut geht und sie wieder ein wenig mehr Freude am Leben hat, ist das für uns

nix Problem!

© Roland Kiefer 11.02.2020