Titelblattschönheit

Jetzt ist es zum Glück nicht so, dass die Kindheit im Heim oder bei Pflegeeltern, sondern super, zu Hause bei Muttern bis zum Verlassen des Elternhauses aus eigenen. Aber knapp war es schon. Weil du musst wissen: meine Großmutter schuld an der damaligen Knappheit. Meine Eltern die damals noch ein Paar waren dachten an ein paar Tage ohne Kinder in Italien. Nicht gedacht haben sie an nie wieder Kinder oder Kinder nur noch hin und wieder. Nein, gedacht haben sie an ein paar Tage ohne Kinder, vielleicht an Tage mit neue Kinder machen üben. Auf jeden Fall ab ins Auto und in weniger als 10 Stunden nach Italien. Aber nicht bis ans südlichste Zipfel. Nur bis Jesolo, aber da die Straßen noch nicht so und die Autos sowieso noch nicht so, eben längere Fahrt. Und wir bei der Mutter meiner Mutter. Ich 3 Jahre, meine Schwester 1 Jahr, vielleicht auch noch jünger, nicht viel, weil viel geht da nicht mehr. Und schon beim Wegfahren der wichtigsten Bezugspersonen meine Schwester nicht wirklich einverstanden damit. Und mangels Sprachkenntnisse natürlich nur weinen und schluchzen. Jetzt meine Eltern nicht Herzlos, aber das Hotel war gebucht und der Urlaub genehmigt und die Schillinge - ältere Semester erinnern sich noch - in Lire - ältere Semester erinnern sich auch daran - gewechselt. Der Tank voll. Das Auto auch, weil so groß war der Austin dann doch nicht. Na und Vorfreude natürlich auch volle. Eltern wissen wovon ich da schreib. Ein Wochenende ohne Kinder. Nächte die Mann und Frau, wenn sie das gewollt hätten, durchschlafen hätten können. Und Tage nur Sonne und Sand und Meer und Essen und Trinken und auch sonst alles. Aber da wurde die Rechnung halt leider ohne dem Wirt, ergo ohne Oma gemacht. Weil die wollte immer schon mal als Titelbildschönheit von der schon damals meistgelesenen Boulevardzeitung lachen und dann natürlich super Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit den Kindern in Italien. Smartphone ja erst in 30 Jahren. Und da ist so eine Zeitung die als Abendausgabe auf der ganzen Welt gelesen wird sehr geeignet. Es wird also der Redakteur informiert und der reist mit dem Fotografen an und der macht, das muss man ihm lassen, wirklich Titelseiten fähige, wunderschöne Bilder von der Oma mit den weinenden, fast verhungerten, verwahrlosten Enkerln. Verweint und verrotzt, dem Tod kapp entronnen. Zum Glück hat ein Gast im selbigen Hotel wie meine Eltern als Stammleser auch in Jesolo nicht auf sein Blatt verzichten können und erkennt den Ernst der Lage. Koffer werden mit Zornesröte in Windeseile gepackt, Wünsche geflucht und der Austin schafft Jesolo - Baden dann doch in 5 Stunden - frage nicht. Das meine Großmutter weiterleben durfte verdankt sie dem Schutz meiner Mutter weil mein Vater knapp dran an Lebenslänglich. Nicht nur aus Südafrika gab es Reaktionen. Von überall Briefe, nicht nur nette. Auch die Fürsorge hat sich für uns interessiert. Am Ende dann doch alles Gut - wir durften bei unseren Eltern bleiben und Oma hat es auf die Titelseite geschafft.

© Roland Kiefer