Die Flucht

Da saßen wir nun, vor unserem Zelt und löffelten Ravioli aus der Dose. Es war August ´89 auf einem Campingplatz am Balaton. Vor zwei Jahren haben wir uns das letzte mal gesehen, als ich in den Zug Richtung Westdeutschland stieg und er in Dresden zurück blieb.

Mein bester Kumpel Friedemann und ich haben mit Briefe schreiben immer Kontakt gehalten, so mit Tinte auf Papier und dann zwei Wochen auf die Antwort warten, so war das damals. So hatten wir schon im Jänner des Jahre beschlossen uns in Ungarn zu treffen.

Die Atmosphäre auf dem Campingplatz war besonders. Ost und Westdeutsche trafen sich, diskutierten, feierten und schlossen Freundschaft. Aber dieses Jahr war noch einmal mehr besonders. Die Aussenminister von Österreich und Ungarn zerschnitten symbolisch im Juni ´89 den eisenen Vorhang, der Europa trennte. Ein ungeheuerlicher Vorgang!! Das löste in Folge einen Touristenboom in Ungarn aus. Ostdeutsche, denen über Jahre das Verlassen des sozialistischen Vaterlandes verwehrt wurde, witterten ihre Chance. Es gab westdeutsche Zeitungen. So erfuhren wir von den ersten geglückten Fluchtversuchen.

Am dritten Tag platzte die Bombe! Mein Freund eröffnete mir, daß er auch vor hat "abzuhauen". Ich war etwas baff, aber gesagt getan. Wir fuhren nach Budapest, deckten ihn mit Arbeitshandschuhen und Tarnkleidung ein. Der Urlaub verging mit flirten, feiern und Flucht planen. Dann war es soweit! Am letzten Tag stiegen wir in den Zug nach Nagykanizsa, um dann nach Norden Richtung Neusiedler See abzubiegen. Und dann passierte etwas. Vor dem Umsteigen wurden wir von der ungarischen Polizei verhaftet und für 4 Stunden einzeln verhört. Ohne wirklich damit gerechnet zu haben, haben wir uns vorher für diesen Fall abgesprochen. So ließen sie uns wieder ziehen.

Es ist jetzt schon fast dunkel. Friedemann gab mir noch einige kleine, für ihn wichtige Sachen, warf seinen Rucksack in ein Feld und machte sich auf den Weg, auf die Flucht. Es war jetzt stockdunkel. Ich lief los, direkt auf eine Kaserne zu. 100 Meter davor hab ich das bemerkt. Rechts in die Büsche und aufpassen, daß mein Stuhlgang sich nicht verselbstständigt. Nach einigem herumirren sah ich in einiger Entfernung vorbeiflitzende Scheinwerfer. Das mußte sie sein, die Landstraße, die mich an die Grenze führen würde. Ein Taxi brachte mich dann an den Bahnhof Deutschkreuz. Mit meinem westdeutschen Pass war das ja kein Thema. Dort wartete ich. Es waren quälende Stunden im Schlafsack, in Gesellschaft von lästigen Gelsenschwärmen.

5 Uhr morgens kam er!! Die Freude war unbeschreiblich. Der Druck entlud sich in einem Meer aus Tränen. Aber es sollte noch eine Zeit dauern, bis er realisierte was er getan hatte. Der Rest war einfach. Wir fuhren in die deutsche Botschaft nach Wien und dann weiter nach Bielefeld, wo ich zu dieser Zeit mit meiner Mutter wohnte.

Sie hatte von all dem keinen blassen Schimmer. Sie kam 3 Tage nach uns aus ihrem Urlaub zurück und entdeckte, daß sie nun 2 Buben hatte.

© Roland