Mein Weg, eine deutsche Geschichte

  • 671
Mein Weg, eine deutsche Geschichte | story.one

Wir sind die Summe unserer Erfahrungen, jeder von uns.

Ich, Jahrgang 1968, aufgewachsen in Ostdeutschland hatte Zweifel.

Als 14 Jähriger in Dresden in eine kirchliche Gruppe hineingerutscht, konfrontiert mit anderen Sichtweisen als der staatlich verordneten, kam ich schon früh in Konflikt mit einem System, daß ich mehr und mehr ablehnte. Das Gefühl von eingesperrt sein und der Bevormundung durch einen Staat der sich Deutsche Demokratische Republik nannte, der soviel mit Demokratie zu tun hatte, wie ein indisches Curry mit einem wachauer Heurigen, wurde stärker. Es führte dazu, daß meine Mutter zum Direktor meiner Schule zitiert wurde um ihr mitzuteilen, daß ich wohl mein Leben am Rande der sozialistischen Gesellschaft werde fristen müssen. Der Schritt zu einem Ausreiseantrag nach Westdeutschland war ein kleiner. Wir waren nun, von 1984 bis 1987 Staatsfeinde und Verräter, mit allen Schikanen die dazu gehörten. Im Februar 1987, genau am Geburtstag meiner Mutter, durften wir die DDR verlassen. Ich weiß heute noch, wie ich, im aus dem Dresdener Hauptbahnhof herausrollenden Zug, heulend zusammen brach und der ganze Druck der vergangenen Jahre, wie aus einem Luftballon entwich, den man mit einer Nadel zersticht.

Schöne neue Welt, wir kommen! Ich habe sie aufgesogen wie die Wüste das Wasser wenn es mal regnet. Ich begann wieder mit der Schule und machte Matura. Noch in diesem Jahr sah ich das erste mal die Alpen, machte Interrail nach Schottland und war bei einem Schüleraustausch in Frankreich, wo ich auch meinen 19. Geburtstag feierte. Es war elektrisierend! Alles wovon ich träumte war nun möglich! Nach meiner Matura ging ich nicht an die Uni, meine Mutter hadert heute noch damit, sondern machte eine Gastrolehre. Der Grund? Ich wollte in anderen Ländern leben und arbeiten können, nicht nur mal in den Urlaub dort hin fahren, das Land und seine Bewohner wirklich kennenlernen. Ich finde dass heute noch spannend! Wer kann schon von sich sagen,daß er schon mal in Dubai, Monte Carlo, Frankreich, der Schweiz und in London gelebt hat. Es hat mich geprägt. Die Gewissheit, daß es überall schön und hässlich ist, daß es überall solche und andere Menschen gibt, daß es überall anders ist als anderswo, daß hat mich geprägt. Zu wissen was Abschottung, Ausgrenzung, Schikanen bedeutet, hat mich geprägt.

Europa ist meine Heimat. Heute, 50 jährig habe ich mein zu Hause gefunden. Ich habe selber zwei Kinder 7 und 13. Und jeder von uns ist in einem anderen Land geboren: Ungarn, Deutschland, Großbritannien und Österreich. Ich weiß welches Europa ich für meine Kinder will: ein offenes, tolerantes und demokratisches Europa, indem nicht die regieren die Angst machen und spalten wollen. Europa ist ein Gefühl, eine Idee, die mir warm ums Herz werden lässt.

Mein Großvater ist für die falsche Idee in Frankreich gefallen. Er war nur 32 und hinterließ 3 Kinder die ohne Vater aufwuchsen.

Ich bin Vater, Sohn, Ehemann und Europäer deutscher Abstammung!

© Roland 04.05.2019