Konrad das Bücherei-Krokodil

Hier dürfen nur wahre Geschichten erzählt werden. Ich habe vier Jahre ehrenamtlich in unserer Stadtbücherei gearbeitet und Konrad gibt es wirklich. Mir war es vergönnt, seine Sprache zu verstehen.

Konrad war kein gewöhnliches Krokodil, und er lebte auch nicht an einem See oder Fluss. Sein Körper war kein Panzer, sondern weich und aus Plüsch und obwohl seine Zähne furchterregend aussahen, konnte er damit niemand verletzen. Das wollte er auch gar nicht, er war sehr friedliebend und kein Reptil. Sein Zuhause war die Bücherei einer kleinen Stadt und dort verbrachte er ein ruhiges Leben in der Spielecke. Er ließ sich von den Kindern alles gefallen, ob sie ihn jetzt herumschleppten oder streichelten, seine Zähne betasteten, oder ihn am Schwanz zogen. Es gefiel ihm, wenn Mütter mir ihren Kindern vorbeikamen und den Kleinen aus den Bilderbüchern vorlasen. Er konnte von seinem Platz aus alles beobachten und die Gespräche mithören. In der Bücherei gab es Vorlesestunden für Kinder und auch Lesungen für Erwachsene, ein Sommerfest und eine Adventfeier. Es wurde nie langweilig und das schätzte Konrad sehr. Das Leben außerhalb der Bücherei kannte er nicht. Manchmal träumte er davon, an einem warmen Tag in der Sonne zu liegen oder träge im Wasser zu schwimmen. Aber er vermisste das nicht wirklich.

Seine liebste Zeit war die Nacht, wenn die Türen geschlossen wurden, und die Kunden und die Büchereidamen nach Hause gingen. Er wartete nur darauf, dass das Licht ausging und er allein war. Konrad hatte nämlich ein Geheimnis. Er konnte lesen. Das hatte er sich selbst beigebracht. Nachdem er jahrelang den Kindern und Müttern zugehört hatte, war der Wunsch in ihm erwacht, es selbst zu versuchen. Er organisierte sich eine Taschenlampe, die jemand vergessen hatte und gleich in der nächsten Nacht startete er seinen ersten Leseversuch. Am Anfang war es mühsam und er betrachtete die Zeichnungen in den Bilderbüchern sehr genau, aber mit der Zeit bekam er Übung, und das Lesen machte Spaß. Er erfuhr etwas über die Welt da draußen und ihm war nicht einmal mehr an den Wochenenden langweilig, an denen die Bücherei geschlossen hatte. Er erlebte viele Abenteuer im Kopf, während er ganz gemütlich auf dem Teppich lag und ein Buch las. Sein Leben war bunter geworden. Er war sehr zufrieden mit sich und der Welt. Manchmal gähnte er und zeigte seine spitzen Zähne, um die Besucher daran zu erinnern, dass er ein Krokodil war und einen Ruf zu verteidigen hatte. Aber das war schnell vorbei und er träumte weiter von den vielen Büchern, die er noch lesen wollte.

Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid und Konrad kennenlernen wollt: Ihr findet ihn in der Bücherei der kleinen Stadt. Ihr müsst ihn nur ernsthaft suchen.

Mittlerweile bin ich Lesecoach beim Roten Kreuz und ich hoffe, viele Kinder finden einen ähnlichen Zugang zum Lesen wie Konrad.

© Rosalie