Prinzessin Mie

Plötzlich war sie da und benutzte unseren kleinen Garten zum in der Sonne liegen. Sie war eine getigerte Katze mit grünen Augen. Es gab bestimmte Plätze, die sie besonders liebte. Manchmal lag sie im Frühsommer bei den Margeriten und Glockenblumen, gegen Abend auch auf der Terrasse, wenn die Steine noch warm waren. In der Hitze des Sommers machte sie es sich in der Nähe unserer Liegen im Schatten bequem. Sie suchte unsere Gesellschaft und ließ sich sofort streicheln. Als unsere Enkelkinder mit ihren Freunden vorbeikamen und sich auf sie stürzten, ergriff sie die Flucht. Dabei verdankte sie ihnen ihren Namen. Sie tauften sie "Prinzessin Mie", weil sie meistens nur ein heiseres "mie" statt einem "miau" zustande brachte, eine Katze mit Sprachfehler. In Wirklichkeit hieß sie "Schnurrli", wie wir später von den Nachbarn erfuhren, die im Haus nebenan als neue Mieter in die Parterrewohnung eingezogen waren und die Katze mitgebracht hatten.

So begann unsere Freundschaft. Endgültig betrachtete sie uns als ihre Adoptiveltern, als ich die erste Packung Katzenfutter besorgte, natürlich das teure Markenfutter. Unsere Nachbarin, die sie bis dahin mit Billigfutter gefüttert hatte, wunderte sich, dass die Katze kaum mehr fraß, aber immer runder wurde. Mie wurde schnell ein Mitglied unserer Familie. Da wir das Haus nicht ständig bewohnen, aber in der warmen Jahreszeit fast jeden Tag dort sind, erwartete sie uns schon ungeduldig. Sobald wir den Haustürschlüssel aus der Tasche zogen, sprang sie auf den Sockel des Nachbarzaunes, überquerte die Straße und strich um unsere Füße. Sie schnurrte und lief als erstes zum Sack mit dem Katzenfutter. Im Herbst und Winter, wenn es kalt war, schlief sie oft stundenlang auf ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer oder widmete sich mit Hingabe der Fellpflege. Es gab Tage, da war sie sehr mitteilungsbedürftig und miaute uns etwas vor, oder sie sprang auf unseren Schoß und wollte gestreichelt werden. Sie wurde zu unserer treuen Gefährtin und war aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile war sie so integriert, dass sie auch die Kinder akzeptierte, wenn diese sie streicheln wollten. Hatten wir Kummer, konnten wir ihr alles erzählen, sie behielt es für sich. In meiner Kindheit hatten wir auch Katzen, aber keine war so einzigartig und anhänglich wie Mie.

Letztes Jahr im Februar kam für uns ganz unerwartet der Abschied, die Nachbarn zogen weg. Das letzte, was wir von "Mie" sahen, waren ihre Spuren im Schnee.

Insgeheim hatte ich gehofft, dass sie in ein paar Tagen wieder vor unserer Tür sitzen würde. Man sagt Katzen nach, dass sie mehrere Kilometer zurückfinden. Aber das passierte nicht, und wir mussten uns damit abfinden, dass sie weg war.

Wir vermissen "Mie" sehr und sprechen oft über sie. Zurück bleiben ein paar Fotos und die Erinnerung an eine außergewöhnliche Katzenpersönlichkeit.

© Rosalie