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#diagnosemensch

Lass mich ziehen

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Lass mich ziehen | story.one

Unser Wohnbereich ist am wenigsten betroffen und doch mit voller Wucht hat uns diese Pandemie in der Mangel .. uns alle .. die Bewohner, uns Pflegekräfte, uns Leitungskräfte in doppelter und dreifacher Funktion getroffen. Davor gefürchtet haben wir uns alle davor und waren vorerst überglücklich, beim ersten Lockdown davor verschont geworden zu sein. Umso härter hat es dieses Mal zugeschlagen, dieser maledeite Virus.

Wie hat Kirsten vor ein paar Tagen im Lift zu mir gesagt “das ist doch ein schlechter Film” – das Regieregiment hat was scheinbar Unkontrollierbares fest in den Händen und lässt uns wie Marionetten nur in der zweiten Reihe Platz nehmen.

Unser Müsle hat sich leider auch infiziert. Ich bin rein in dein Zimmer in Vollmontur, du hast mich mit deinen traurigen, wässrigen Augen angeschaut, den Namen auf meinem Schutzanzug konntest du nicht lesen, deshalb habe ich zu dir gleich gesagt, wer ich bin. Deine schwache Stimme, deine aufgesperrten traurigen Augen haben mich fixiert – ich habe geschwitzt in der Schutzkleidung, ich habe geweint hinter meiner Schutzbrille – du hast meine Hand gehalten … und immer wieder schwach geflüstert … Rosile Rosile Rosile …

.. und wieder kommen mir die Tränen, während ich diese Zeilen schreibe, mein Herz blutet.

Wie weit entfernt lesen sich da Statistiken, wie herzlos, wie nüchtern formulieren viele Neunmalkluge - multimorbid, hochaltrig - diese wären so oder so bald gestorben.

Ich habe den Blick deiner weit aufgerissenen Augen in mir eingebrannt, ich habe die schwache Stimme, die meinen Namen flüsterte in meinem Herzen – ich habe mein Müsle nun in Erinnerung – denn s'Müsle isch ganga. Sie ist gegangen, weil es ihre Entscheidung war. Wollte dich nicht einfach so ziehen lassen, wollte nicht so schnell aufgeben, wir hatten dir noch Sauerstoff angehängt, haben dir Infusionen angehängt – doch du wolltest gehen. Bitte verzeihe mir, dass ich noch um dich gekämpft habe, obwohl du mir zu verstehen gabst, dass es nun genug ist.

Dann dieser eine Nachmittag – ich bin zu dir ins Zimmer, habe mich neben dein Bett gesetzt, habe hinter meiner Schutzbrille geweint, habe dir nochmals das eine Lied vorgesungen – weil du mir fehlen wirst. Habe deine Hand gehalten, habe dir über deine wundervollen Haare gestreichelt und ganz sanft deine Wange berührt. Mich bei dir entschuldigt, dass ich dein Leiden durch meine Interventionen verlängert habe – bitte verzeih.

An diesem Nachmittag, du hast dich bereits auf dem Weg zu deiner Erlösung gemacht. Ich halte deine Hand, sitze nur einfach in Demut neben deinem Bett und flüstere dir zu. “Ja du darfst gehen, verzeihe mir, dass ich so egoistisch war und dich zurückhalten wollte.“

Irgendwoher nimmst du all’ deine Kraft zusammen und tätschelst meine Hand, die die deinige ganz vorsichtig hält.

s'Müsle hat mir verziehen. Lass mich ziehen – mit meinem Wanderstock, mit meinen Kuscheltieren.

Photo by Amisha Nakhwa/ Unsplash

© Rosaria Helfer 2020-11-21

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