Corona und ich: 21. März 2020

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Corona und ich: 21. März 2020 | story.one

Ich sitze am Esstisch, draußen knallen die Regentropfen auf das Gerüst, springen wie wild geworden an meine Fenster und fließen in Rinnsalen die Scheibe hinunter. Bei diesem Wetter fällt der Hausarrest leicht. Ich versuche mein Frühstück zu genießen. Der schwarze Bildschirm vor mir starrt mich an und ruft leise, aber aufdringlich: Du weißt, dass da mindesten 50 ungelesene Mails in deinem Postfach warten. Heute ist Samstag, meckere ich ihn an, ich arbeite nicht.

Homeoffice am Esstisch. Vor vierzehn Tagen noch undenkbar, arbeiten wir Kolleginnen, auf die Schnelle ausgestattet mit dem nötigen Equipment, versprengt in der ganzen Region vor unseren Laptops und Handys.

Das Virus hat uns im Griff.

Ich ignoriere den Regen, nehme einen Schluck heißen Tee und stelle mir vor, wie die gelben Farbteppiche der Osterglocken in der Sonne leuchten, der Amselpapa hoch oben in den Zweigen der Kastanie sein Morgenlied trällert und die Büsche den ersten Bienen ihre rosafarbenen, weißen und roten Blüten entgegenstrecken.

Ich hatte es vergessen. Es gibt tatsächlich noch Anderes. Die Natur bricht auf. Wie jedes Jahr hält sie ihr Versprechen und bringt neues Leben hervor, zuverlässig. Unabhängig von uns Menschen. Die Natur interessiert sich nicht dafür, ob wird Menschen in der Stube hocken müssen, leiden, lieben oder sterben.

Reflexartig greife ich zum Handy. Bestimmt gibt es neue Nachrichten. Ich darf nichts verpassen, will immer informiert sein. Ich wische die Startseite des „Spiegels“ von oben nach unten. Was den Deutschen ihr Klopapier, sind den Amerikaner Waffen und Munition. High noon zwischen den Klopapierrollen? Die interessanten Überschriften haben seit einiger Zeit ein Pluszeichen und ich frage mich, ob ich ohne zu zahlen noch wirklich gut informiert bin.

Die WhatsApp-Gruppen sind aktiv. In der Yogagruppe postet jemand: wenn du nicht nach draußen gehen kannst, geh nach innen. In der Lindedance-Gruppe geht das Tänzeraten anhand der ersten vier Schritte weiter. Ein Schreiblehrer bietet per You-Tube einen kostenlosen Online-Schreibkurs für Quarantäne-Geplagte an. Das Reisebüro schreibt per E-Mail, dass sie mich auf dem Laufenden halten über meine für April gebuchte Reise. Meine Friseuse sagt den Termin in der nächsten Woche ab.

Der Regen pladdert weiter auf die Metalldielen. Die Rosen im Garten jubeln im Wachstumsrausch. Am Montag beginnen die Dachdecker mit dem Dach.

Ich denke an dich, an deine Krankheit und dein Sterben. Wie wäre es gewesen, wenn ich nicht hätte bei dir sein können in der Stunde des Abschieds, dir in deinen letzten Tagen nicht hätte nahe sein können. Es hätte mir für immer gefehlt und hätte nie wieder nachgeholt werden können. Wie tief doch dieser Virus in unser Leben eingreift.

© Rosenduft 05.04.2020