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#einfotoundseinegeschichte

Abschied

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Abschied | story.one

Im Mai 1963 rief der Papa uns Kinder zusammen: Marlis, meine jüngere Schwester, Frieder, der kleine Bruder, und mich, die Älteste mit fünf Jahren.

„Kinder, wir machen einen Ausflug und nehmen beide Kinderwagen mit.“

„Ich brauche keinen Kinderwagen mehr“, protestierte Marlis.

„Papa, der Frieder fährt doch nicht mehr im Babywagen.“ Als Älteste wusste ich immer alles ganz genau.

„Du schiebst den Babywagen“, sagte er zu mir, „ich nehm den Sportwagen mit Frieder.“

Papa war der Bestimmer.

„Wo gehen wir denn hin?“ wollte Marlis wissen.

„Lasst euch überraschen. Und los geht’s!“

Papa liebte Geheimnisse, und wir platzten vor Neugierde.

Der Babywagen sah aus wie ein runder Korb aus geflochtenem Kunststoff mit einem Dach über dem Kopfende und hatte vier kleine Rädern. Er war leer. Frieder hockte im Sportwagen und sein Köpfchen schaute über die Seitenteile hinweg, als säße er in einer offenen Kiste auf Rädern.

Wir liefen aus der Stadt und den Grafenberg hinauf. Ich wundere mich sehr.

„Papa, wollen wir den Wagen nicht einem anderen Baby bringen?“

„Kinder, ihr könnt nicht abwarten. Wir bringen den Wagen in den Wald.“

Was wollten wir damit im Wald? Ich traute mich nicht laut zu fragen. Meine Arme wurden immer müder, aber vor mich hinbruddelnd schob ich den Babywagen den Berg hinauf, links die Weinberge, rechts der Nadelwald. Als wir oben ankamen, bogen wir rechts in einen Waldweg.

„Papa, ich kann nicht mehr“, sagte ich und Marlis meckerte: „Mein Beine sind müde. Ich hab Durst.“

„Seht, ihr, dahinten zwischen den Bäumen? Dort müssen wir hin“.

Für unsere Kinderbeine ein weiter Weg, aber Papa lief unbeirrt vorneweg und wir im Gänsemarsch hinterher.

„Aber Papa, wer wohnt denn mitten im Wald?“ Es kam mir immer seltsamer vor.

„Warts ab.“

Plötzlich fing es an, komisch zu riechen. Mit jedem Schritt nahm der Gestank zu. Und dann waren wir da: vor uns ein Stück flache Wiese und ein Abhang. Alles voller Müll.

„So Kinderchen, hier geben wir unserem Kinderwagen das letzte Geleit. Das ist seine Ruhestätte. Verabschiedet euch von ihm.“ Er montierte die Räder ab. Dann wurden wir aufgestellt und Papa machte klick.

Das Foto zeigt zwei kleine Mädchen mit blonden Pferdeschwänzen, in Strumpfhosen, Rock, Pullover und rosa-gemusterten Schürzen, die winkend neben einem beigen Babywagen stehen – auf der Müllkippe mitten im Wald.

Neben dem Foto reimte unser Vater:

Ade, du lieber Kinderwagen

hast uns lang genug getragen.

Jetzt wirst du ohne Räder stehn,

wir werden dich nicht wiedersehn.

© Rosenduft 2020-04-27

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