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#einfotoundseinegeschichte

Das Familienfoto

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Das Familienfoto | story.one

Das gibt es nur im Roman. Du kaufst ein altes Haus und findest einen verstaubten Koffer mit einem Familienschatz.

Obenauf liegt ein altes sepiafarbenes Foto mit siebzehn Personen in dunklem Sonntagsstaat. Auf der Rückseite seht: „1912, Margarethe, Georg und Kinder“.

Georg ist mein Urgroßvater, der Erbauer des Hauses. Margarethe ist seine zweite Frau. Sieben Kinder hatte Georg mit Elisabeth, Margarethes Schwester, weitere sieben mit Margarethe. Das fünfzehnte brachte Margarethe als vierjährige Dreingabe mit in die Ehe.

Die Urgroßeltern sitzen in der vorderen Stuhlreihe, zwischen Ihnen zwei Töchter. Eine weitere Person kann ich identifizieren. Der junge Kerl in der hintersten Reihe, damals fünfzehn Jahre alt, ist mein Großvater Karl, der Jüngste. Sein Anzug sieht neu aus. Von seiner Konfirmation?

Ich wühle im Koffer nach Hinweisen auf die anderen Personen und finde einen handgezeichneten Stammbaum mit Namen und Geburtsdaten. Bei den Lebensdaten des Stammvaters Georg stutze ich. Er starb im Januar 1887, war also 1912 schon lange tot. Ich setze meine Brille ab und betrachte die einzelnen Personen genauer. Alle Männer tragen schwarze Krawatten oder Fliegen, die Frauen dunkle hochgeschlossene Kleider bis auf den Boden. Urgroßmutter hat ein gehäkeltes Spitzentuch um den Kopf gebunden, wirkt missmutig und traurig. Einer trägt eine helle Krawatte.

Das Foto konnte nach einer Beerdigung entstanden sein, eine Gelegenheit, bei der große Familien oft komplett zusammenfinden. Die Gelegenheit also um ein Familienbild machen zu lassen? Mit einem Mann an ihrer Seite, der längst tot war? Ich fand keine Erklärung und rief einen Cousin an, der sich mit Familiengeschichte auskennt.

„Kennst du das Foto?“

„Klar, das stammt von Johanns Beerdigung, der mit der hellen Krawatte.“

„Und wie kommt er auf das Foto?“

„Wie Urgroßvater, per Fotomontage?“

„Fotomontage? 1912?“

„Doch das gabs damals. Gut gemacht, gell, du hast es nicht gemerkt.“

Ich war beeindruckt und versuchte mir vorzustellen, was Margarethe bewogen haben mochte, sich so ein Foto machen zu lassen. Mein anderer Großvater fiel mir ein, der Jüngste von zwölf Geschwistern, von denen nur vier überlebten. Scharlach, Diphterie, Keuchhusten, Masern, tödliche Kinderkrankheiten damals. Margarethe hatte sie alle durchgebracht, auch den kränklichen Karl. Und nun wurde Johann am Güterbahnhof bei der Arbeit vom Zug überrollt. Eine komplette Familie würde es also nie wieder geben. Und der Georg durfte natürlich nicht fehlen.

© Rosenduft 2020-04-26

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