Der Geburtstag

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Der Geburtstag | story.one

Ich habe Geburtstag dieses Jahr. Ich feiere meinen Geburtstag nur alle fünf Jahre. Eine alte Angewohnheit. Und in diesem Jahr ist es ein ganz besonderer Geburtstag. Ich werde reich beschenkt werden, das habe ich schon herausgefunden. Wer seine Augen und Ohren aufsperrt, erfährt viel. Mir bleibt nichts verborgen. Meine Geschenke brauchen Vorbereitung und sind von großer handwerklicher Kunst. Ein neues Kleid ist beauftragt und ein superchicer Hut, neuste Mode, der allerletzte Schrei. Die Nachbarn werden noch blasser und älter aussehen als jetzt schon. Dabei bin die Älteste weit und breit und war doch immer die schönste und größte in der ganzen Straße. Nur mein Freund, der Kirchturm, überragt mich um einiges.

Der Platz am Anfang der Straße ließ mich zur Nummer eins werden, ein durchaus angemessener Rang, der natürlich verpflichtet. Deshalb das neue Outfit in diesem Jahr, pünktlich zum 125. Jahrestag. Eine aufrechte Haltung macht jünger. Hin und wieder ein Peeling verdeckt manche Fältchen und Altersflecken. Regelmäßig werde ich um viele Jahre jünger geschätzt. Die Nummer drei nebenan, um einiges jünger, mit schlechter Haltung und ungepflegt, wird oft als eine Generation älter eingeschätzt.

Überhaupt rechnen wir eher in Generationen als in Jahren. Allerdings bin ich die einzige in der Straße, die wirklich in Generationen innerhalb einer Familie rechnen kann, alle anderen in der Straße, kennen ihre Erzeuger überhaupt nicht, kennen nicht die pflegenden Hände von liebevollen Familienmitgliedern. Ehrlicherweise muss ich zugeben, nicht alle Familienmitglieder in allen Generationen habe sich gleichwertig um mich gekümmert. Manchmal können fremde Hände die letzte Rettung sein.

Fünf Generationen in 125 Jahren habe ich miterlebt. Mir ist nichts fremd. Es wurde geboren, gelebt und gestorben. Die Menschen haben, gelacht, geweint und die Türen geknallt, dass ich vom Boden bis unter das Dach zitterte. Ich habe gefroren und geschwitzt.

Jede Generation hatte ihre eigenen Herausforderungen zu meistern, manche Kriege und Hunger, andere den Verlust der versorgenden Männer, wieder andere Krankheiten und seelische Nöte. Manche Zeiten waren schwieriger, andere einfacher zu bewältigen. Aber eines hatten alle gemeinsam. Sie hatten mich. Sie hatten ein Dach über dem Kopf, eine warme Stube im Winter, ein Schwein im Stall und einen Keller mit Kartoffeln und gefüllten Einmachgläsern. Daraus schöpften sie alle wieder Hoffnung und Kraft bis die Zeiten wieder besser wurden.

Nun also ist die fünfte Generation dabei mich pünktlich zu meinem Jubelfest stilecht mit einem glänzenden Dach, auf dem die Solarzellen funkeln, auszustaffieren. Der anthrazitfarbene Hut mit den blauen Lichtpunkten wird hervorragend zum hellgrauen Kleid mit den weißen Fensterstürzen und dem dunkelgrauen Sockel aussehen. Würdevoll werde ich als Grand Dame der Straße die Gratulationen entgegennehmen.

© Rosenduft 05.04.2020