Aus der Sicht einer Geldbörse

Neulich im Intercity zwischen Salzburg nach Golling

Ich habe es mir gerade im Zugabteil so richtig gemütlich gemacht, in der gefütterten Winterjacke auf der dafür vorgesehenen Ablage.

Da wurde ich auch schon unsanft und blitzartig aus der Jackentasche gezogen. Ganz schnell wird mir klar, dass ich soeben in die Hände eines Langfingers geraten war. Ich war diesem Schurken nun völlig ausgeliefert.

Im Moment ist mein Besitzer ja noch in die Zeitung und das darin befindliche Sudoku vertieft. Jedoch der Gedanke an die bevorstehende Fahrscheinkontrolle treibt mir den Schweiß auf die Stirn.

Was wurde mir doch alles anvertraut – und jetzt das!

Ganz bitter ist freilich der Verlust des rosa Scheines, der stets ein fixer Bestandteil meines Inhaltes war, ganz zu schweigen von den hübschen Fotos der Kinder. Um die E-Card mache ich mir vorerst keine größeren Sorgen – diese ist problemlos zu ersetzen.

Doch die nunmehr abhanden gekommenen Passwörter und PIN-Codes erwecken ein gewisses Unbehagen in mir.

Für die Bankomatkarte gilt ohnehin Alarmstufe „ROT“.

Grundsätzlich bin ich ja eine Frohnatur. Aber heute verstehe ich die Welt nicht mehr, dass ausgerechnet ich das Objekt der Begierde war.

Mit dem baren Inhalt kann sich dieser Gauner freilich in das nobelste Hotel der Stadt einchecken, ein opulentes Sektfrühstück inbegriffen.

Bald darauf werde ich entsorgt. Die Vermutung liegt nahe, in einer schmutzigen und übelriechenden Tonne gelandet zu sein. Mein Outfit wird ordentlich in Mitleidenschaft gezogen – keine Frage!

Das Heimweh wird allmählich unerträglich.

Ich nehme ja doch an, dass sich mittlerweile die Polizei intensiv mit meinem Schicksal beschäftigt. Aber angesichts meiner misslichen Lage scheint eine Suche nicht wirklich von Erfolg gekrönt zu sein.

Wochen und Monate vergingen, aber ich gab die Hoffnung nicht auf, doch noch entdeckt zu werden.

Und tatsächlich – eines Tages wird jemand auf mich aufmerksam und ich werde endlich aus diesem Morast befreit.

Man meint es gut mit mir und ich lande in einem großen gelben Umschlag der ÖBB – Abteilung Kundenservice –. mit dem Stempel eines Postamts in Wien versehen.

Nicht einmal eine Briefmarke war ich diesen Leuten wert und ein paar Zeilen hätte man auch beilegen können.

Trotz allem war ich überglücklich – zwar etwas abgespeckt –, jedoch im Großen und Ganzen unversehrt die Heimreise antreten zu können.

Ende gut – fast alles gut!

Tipps zur Bildgestaltung:

https://de.123rf.com/photo_10393107_diebe-in-öffentlichen-verkehrsmitteln-aufmerksam-taschendieb-arbeiten-im-verkehr-.html

© Rosina Putz