Die Spinne, die größenwahnsinnig wurde

An einem schönen Sommertag entdeckte ich im äußersten Winkel unseres Balkons ein Spinnennetz. Die Hausmauer machte hier einen Vorsprung. So konnte die Spinne ein dreieckiges Netz zwischen Hausmauer und Balkongeländer spannen.

Eines Tages sah ich sie sogar, weil sich auf das Netz eine fliegende Ameise verirrt hatte. Die Spinne kam aus ihrem Versteck und sofort wurde die Ameise mit den Mundwerkzeugen angestochen und danach eingewickelt. Die Spinne war ziemlich groß. Alleine der Hinterleib war ungefähr eineinhalb Zentimeter lang. Sie war ganz schwarz.

Wie alle Menschen habe ich einen Respekt vor Spinnen. Sie sind ja alle giftig. Ich würde sie nicht angreifen können, selbst wenn sie tot sind. Aber ich weiß, dass sie nützlich sind, weil sie Fliegen verzehren. Wahrscheinlich würden wir vor Fliegen übergehen, wenn es die Spinnen nicht gäbe. Also ließ ich sie in Ruhe.

Die Zeit verging und es wurde Winter. Es war kalt draußen. Es hatte vielleicht minus ein Grad Celsius, als ich die Spinne vor unserer Balkontüre vorbeikrabbeln sah. Unsere Balkontüre hat nämlich zwei Glasscheiben; eine in Kopf- und Brusthöhe, die andere in Beinhöhe. So konnte ich sie von innen her sehen. Sehr langsam krabbelte sie vorbei. Ich war überrascht, dass sie sich bei solchen Temperaturen noch bewegen konnte. Ich hätte sie längst irgendwo in einem Laubhaufen oder in einem Erdloch vermutet. Offensichtlich war sie größenwahnsinnig geworden, dachte ich. Sie glaubte vielleicht, dass sie die Kälte mit ihrer ungewöhnlichen Größe besiegen konnte.

Als es wieder warm wurde, schaute ich, ob sie wieder an ihrem Platz war, aber dieses Mal war sie nicht mehr zurückgekommen. Vielleicht war sie einem Maulwurf zum Opfer gefallen, oder von der Kälte besiegt worden. Ich habe keine Ahnung.

© Rotbuchenbaum