Wenn der Zufall Leben rettet

Wenn ich heute an den 17. Juli zurückdenke, wünsche ich mir, dass ich gleich all meine Eindrücke aufgeschrieben hätte. Eines ist aber, egal wie viel ich darüber nachdenke, klar: ich bin sehr froh, dort gewesen zu sein.

Anspannung. Stress. Ich knalle die Autotür zu, starte den Motor. Eigentlich sollte ich längst am Weg sein; gegessen habe ich auch noch nichts. Wenn jetzt noch viel Verkehr ist, schaffe ich es nie pünktlich zu meinem Termin. Ich gebe Gas, fahre auf die Autobahn auf. Versuche mich zu entspannen. Dann passiert alles wie in Zeitlupe. Ein Wagen kommt vor mir ins Schlenkern, dann an einer Betonmauer zum Liegen.

Der schmale Grat zwischen Leben und Tod ist etwas, mit dem ich bestens vertraut bin. Ich bin Produktmanager für Notfallmedizin; wir verkaufen unter anderem Defibrillatoren, von denen sich einer in meinem Kofferraum befindet. Außerdem bin ich freiwilliger Rettungssanitäter. In solchen Situationen fährt ein seltsamer Modus im Menschen hoch. Ganz egal, was rundum passiert: Man ist voll fokussiert auf seinen Job.

Überall Staub. Ich bringe mein Auto zum Stehen; fahre das Programm hoch. Rotkreuz-Jacke an, Notfallkoffer und Defibrillator aus dem Kofferraum, ab zum Fahrzeugwrack. Die Beifahrertür geht auf, eine Frau steigt aus und gibt mir zu verstehen, dass der Mann auf der Fahrerseite dringend Hilfe benötigt. Ich habe zwar mit vielem gerechnet aber damit nicht: er hat keine äußeren Verletzungen – aber weder Atmung noch Puls.

28, 29, 30 – zähle ich in meinem Kopf die Herzdruckmassagen. „Achtung, alle weg – Schock!“ höre ich mich sagen und starre gebannt auf die Anzeige des Defibrillators. Der Strom fließt lautlos durch seinen regungslosen Körper. Nichts passiert. „Kann ich helfen? Ich habe das schon mal gemacht“, höre ich von der Seite. Ohne aufzublicken sage ich „ja, gut, übernimm du“ und lasse einen Ersthelfer übernehmen. Ich kann mich jetzt voll auf den Defibrillator konzentrieren – das Gerät, dass dem Mann am ehesten sein Leben wieder zurückgeben kann.

Noch eine Chance, noch ein Schock, noch ein Blick auf den Monitor. Plötzlich verändert sich die Linie. Ein paar Sekunden später schnappt der Mann nach Luft; seine Werte normalisieren sich. Erleichterung.

Sirenen. Rotorblätter in der Luft. Die Rettungsmannschaften kommen auf uns zu. Erst jetzt bemerke ich, wie viele Einsatzkräfte hier sind. Wie ferngesteuert packe ich zusammen, knalle die Autotür zu und realisiere erst nach Start des Motors, was in den letzten 15 Minuten passiert ist. Zu meinem Termin komme ich jetzt zwar sicher zu spät, jedoch ist meine Entschuldigung – gerade für einen Menschen, der Defibrillatoren verkauft – doch recht gut.

Über ein paar Umwege habe ich erfahren, dass der Mann mittlerweile wieder bei bester Gesundheit ist. Was wäre passiert, wenn ich pünktlich vom Büro weggefahren wäre oder ich noch etwas gegessen hätte? Egal wie viel ich darüber nachdenke: eines ist klar: ich bin sehr froh, dort gewesen zu sein.

Philip Ginzinger

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