Jede Entscheidung zieht ihre Kreise

Ich war vor einigen Jahren zum ersten Mal nach Ecuador, einem Land, von dem ich davor nur wage gehört hatte.

Diese Reise hat mein Leben verändert, mich in meiner persönlichen Entwicklung weitergebracht und bereichert.

Mit unserem Reiseführer Roberto durften wir die große Vielfalt Ecuadors erleben - begonnen mit Quito, der auf 2850m Seehöhe liegenden Hauptstadt, und einigen kleinen Dörfern in den Anden, wo die Menschen vor allem Ackerbau betreiben - in weiter, farbenprächtiger Kleidung, und ohne jeglicher maschineller Hilfe. Immer wieder sah man alte Frauen endlose Gebirsstraßen entlang gehen mit einem riesigen Bündel Feuerholz auf den Rücken geschnallt - manchmal erhaschte man einen kurzen Blick auf ihre wettergegerbten Gesichter... die ausnahmslos recht zufrieden und glücklich aussahen... ich begann mich zu fragen, wie man so schwer arbeiten und in ärmlichsten Verhältnissen wohnen und gleichzeitig so positiv wirken konnte...

Als nächstes wollten wir die schneebedeckten Gipfel des Chimborazo sehen. An diesem Tag hatten wir uns mit unserem Bus ein bisschen mit dem Timing verschätzt und waren recht spät dran. Bis 4200m konnte man auf der normalen Gebirgsstraße fahren, aber es gab einen bemannten Schranken mit Eintrittsgebühr, wenn man weiter hinauf auf 4700m fahren wollte. Dieser Schranken war aber nur bis 18:00 passierbar und es war bereits 17:30. Etwas enttäuscht meinte einer meiner Mitreisenden, ein pensionierter Bankdirektor, ob man den Mann am Schranken nicht mit ein bisschen Trinkgeld dazu bewegen könne, uns trotzdem durch zu lassen. Die Reaktion von Roberto hat mich sehr bewegt. Er sah den Bankdirektor an, ohne Vorwurf im Blick, und sagte: „Ja klar, für uns sind zehn oder zwanzig Euro kaum der Rede wert oder? Es wäre nicht teurer als einmal einkaufen zu gehen, während es für diesen Mann fast ein Monatsgehalt ist. Aber weisst du, wenn ich diesen Mann jetzt besteche, dann haben wir diesen Mann korrumpiert. Dann wird er ab jetzt immer nach Trinkgeld fragen. Und deshalb fahren wir jetzt weiter, den Berg sieht man auch von hier sehr schön, ok?“

Stille... man wich den Blicken der anderen aus... starrte aus dem Fenster oder zu Boden...

Ich beschäftige mich schon lange mit buddhistischen Lehren, und für mich ist ein achtsames Leben sehr wichtig. Es war ein kleiner Moment, aber hinter dieser Haltung von Roberto konnte man ein Lebenskonzept erahnen, bei dem Achtsamkeit eine sehr große Rolle spielt. Roberto und ich sind nach wie vor befreundet, auch wenn wir uns seither nicht mehr gesehen haben. Ich zähle ihn ganz für mich zu einem wichtigen Lehrmeister in Achtsamkeit. Er hat mich gelehrt, nicht durch Unbedachtheit Schaden anzurichten und ohne Groll auch anderen dabei zu helfen das nicht zu tun.

© RSteiner