Dein Wille geschehe

Ich war im Sommer gerade 19 geworden, hatte meine Matura in der Tasche und Zukunftspläne so groß wie der Erdball.

Wir wussten, dass unsere Mama schwer krank ist. Wie es wirklich steht, wurde uns Geschwister in einer Art Schutzmechanismus jedoch nicht gesagt. Und so traf es uns mit voller Wucht, als wir uns schon bald verabschieden mussten.

Die darauffolgenden Tage verbrachte ich in einer Art Trance. Es war mir nicht bewusst, dass eine Beerdigung mit so viel Organisatorischem verbunden ist. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, dann haben die Trauernden nicht so viel Zeit, sich mit dem Verlust zu beschäftigen.

Jedenfalls kam dann auch für mich die Zeit, in der es plötzlich ruhig wurde. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, dass einen die Ruhe auch anschreien kann. Und eines Nachmittags saß ich ganz alleine in der Kirche. Ich würde von mir behaupten, ein gläubiger Mensch zu sein, wenn ich auch nicht fromm bin oder ständig den Gottesdiensten beiwohne.

An diesem Nachmittag habe ich mit Gott abgerechnet.

Da ging es um Verlust, um Ungerechtigkeit, um das Verlassenwerden, auch um Zorn. Eine der sogenannten "Todsünden"? Ich glaube, man darf auf Gott auch einmal zornig sein. Denn Zorn tut manchmal gut, wenn man kein Leid damit verursacht. Zorn kann reinigend sein, wenn sich etwas festgefressen hat. Und auf Gott zornig zu sein, bietet sich irgendwie an, er wehrt sich nicht. Ich bin überzeugt, er hält das aus.

Im nächsten Gottesdienst habe ich die ansonsten heruntergeleierten Gebete für mich analysiert. Und da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich stets ohne zu überlegen "Dein Wille geschehe" betete. O nein, damit war ich jetzt nicht mehr einverstanden. Was soll denn das für ein Wille sein, dem ich da so gedankenlos zustimmte?

Es dauerte mehrere Jahre, bis ich diesen Satz wieder über die Lippen brachte. Ja gewiss, die Zeit heilt. Auch wenn ein wenig vom Schmerz immer zurückbleibt.

Aber irgendwann geschehen wieder Dinge, die gut sind, die gut tun.

"Dein Wille geschehe" heißt für mich nicht mehr, mich auszuliefern. Vielmehr sehe ich darin den Auftrag, das Beste aus den Situationen zu machen, vor die das Leben mich stellt.

Die Entscheidung, in welche Richtung ich gehe, bleibt letztendlich immer bei mir.

© Sabine Geiger