Die Liebe ist unbesiegbar

In Äthiopien existierte über 3000 Jahre ein feudales Königtum. Arm und Reich, Adel und Volk waren strikt getrennt, ein Austausch zwischen den Gesellschaftsschichten war unmöglich und wurde mit lebenslang Gefängnis bestraft.

Genau in diesem Umfeld passiert eine der schönsten Liebesgeschichten, die je erzählt wurden.

Eines Tages verliebte sich ein Bauernjunge in die Tochter eines mächtigen Adeligen. Sie war sehr hübsch, hatte wundervolle Augen und langes, lockiges Haar. Der Junge war ein netter Bursche, soweit damals möglich gut erzogen und ein ehrgeiziger Schüler. Ihre Blicke trafen sich auf einem Straßenfest, sie haben kein einziges Wort miteinander gewechselt, aber sie schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln. Um den jungen Mann war es ab dieser Sekunde geschehen, er hatte sich unsterblich in seine Auserwählte verliebt.

Heutzutage kaum mehr vorstellbar, aber das war damals der Auslöser für einen Streit, der die gesamte Monarchie verändern sollte. Denn der Vater des Mädchens betrachtete die Avancen des Burschen als Angriff auf seine Würde und das Verhalten seiner Tochter als Schande für die ganze Familie. Er ließ den jungen Burschen ausfindig machen und ins Gefängnis werfen.

Weil er sich keinen Anwalt leisten konnte, trat der junge Mann selbst vor den Richter. Und die Art und Weise, wie er sich verteidigte, mit welcher Würde und Zurückhaltung, mit viel Wissen und einer Prise Charme brachte ihm schnell Sympathie bei den Anwesenden ein. Seine grenzenlose Liebe zu dem jungen Mädchen, aber auch seine radikalen Zukunftsideen machten ihn zum Helden der Armen und Unterdrückten. Und auch ein paar Adlige stimmten heimlich zu, dass sich etwas ändern müsse in Äthiopien.

Eines Tages donnerte mitten in der Verhandlung eine laute Stimme durch den Gerichtssaal. Es war der Vater des Mädchens. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es plötzlich.

Jeder erwartete eine flammende Rede wider den Angeklagten und Forderung nach einer lebenslangen Gefängnisstrafe. Doch stattdessen erzählte der Vater, wie sehr er von dem jungen Mann, von dessen Wissen und Ansichten beeindruckt sei. Wie sehr seine logischen Analysen einen grundsätzlichen Sinneswandel bei ihm ausgelöst haben. Und wie sehr ihn diese unerschütterliche Liebe zu seiner Tochter ans Herz gehe. Zum Schluss seiner Rede verkündete der Vater, dass er stolz und glücklich sei, wenn der junge Mann seine Tochter zur Frau nehmen würde.

Im Gerichtssaal brach spontaner Jubel aus, alle sagen, lachten und tanzten miteinander. Und die Nachricht von der glücklichen Liebe ging wie ein Lauffeuer durchs ganze Land. Die beiden heirateten, lebten glücklich ihr Leben lang und hatten 16 Kinder.

Eines von ihnen ist die schönste aller Töchter. Sie ist meine Mutter.

© Sahle Teklie Legesse