Meine Löwenmähne

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Meine Löwenmähne | story.one

Da war ich noch ganz jung damals. Es war so Mitte der 60er Jahre. Es gab in meiner Zeit vor der Schule einen besonderen Ort. Bei meiner Mutter in der Küche, auf der Bank gleich neben dem Küchenherd. Es gab auch noch eine besondere Lieblingsspeise von mir. Die gebundene Gemüsesuppe mit Zupfnockerl. Die Zupfnockerlsuppm wie ich immer begeistert rief, wenn ich sie roch.

Im Winter war es besonders kuschelig in der Küche, damals gab es ja noch keine Zentralheizung da wurden die Zimmer mit separaten Öfen beheizt. An so einem Wintervormittag gesellte ich mich zu meiner Mutter in die Küche und fragte sie: "Gibt es heute wieder die Zupfnockerlsuppe Mama?"

"Ja mein Schatz die gibt es, freust du dich schon darauf?"

"Oh ja!", rief ich begeistert aus.

Sie war keine hektische Köchin meiner Mutter. Sie war in ihrer Welt immer ein geduldige und fröhliche Frau gewesen. Doch irgendwas an diesem Tag brachte meine Mutter durcheinander. Sie war nervös irgendwie. Das spürte ich.

Der Kochlöffel lag auf dem Kochtopf in dem die Suppe vor sich hin köchelte.

"Erzählst mir eine Geschichte, Mama?"

"Schatz heute gerade jetzt, kann ich nicht, deine Tante kommt zu Besuch. Sie will uns erzählen wie es deiner Oma geht."

"Ach Mama, eine Geschichte" quengelte ich rum.

"Später dann, versprochen mein Schatz."

"Na gut" gab ich enttäuscht zurück, ich liebte die Geschichten meiner Mutter, speziell die über die Prinzessinnen, die von Ritter befreit werden.

Dann ein lauter Schrei meiner Mutter, sie stürzte zum Kochherd, ich sah ihr genau zu, die Suppe ging gerade über, schnell ein Geschirrtuch geschnappt riss sie den Kochtopf noch vom Herd und die Suppe schwappte aus dem Kochtopf über, genau über meinen Kopf. Die Erbsen und Nockerl verfingen sich in meinem Haar.

"Neinnnn!" nochmals schrie meine Mutter. Ließ den Kochtopf auf den Boden fallen und kam zu mir. Drückte mir das Geschirrtuch auf den Kopf.

Schnell wurde ich in das Badezimmer gebracht, wo sie mir erst mit lauwarmen und dann immer kälter werdenden Wasser den Kopf wusch.

Das Einzige, was ich von mir gab, war: "Die guten Zupfnockerl!"

Meine Haarpracht, meine Löwenmähne hatte mich gerettet.

Schon immer wurde darauf Bezug genommen, wenn ich in Erscheinung trat, der Sam hat so viele so dicke Haare.

Hier in diesem Moment war ich sehr froh darüber. Ich habe mich auch sehr erschreckt, als die kochende Brühe auf mir landete, dieses erschrecken half mir bestimmt auch es zu überstehen.

Auch die jetzt wieder fürsorglichen Hände meiner Mutter.

Als wir es geschafft hatten, als meine Haare zwar nass aber nicht mehr mit Suppe durchtränkt waren, fragte ich meine Mutter: "Hast du jetzt Zeit für eine Geschichte?"

Sie nahm mich in den Arm und sagte: "Ach Schatz ich verspreche dir, dir nie wieder keine Geschichte zu erzählen!"

Dabei küsste sie mich auf die noch heiße Wange.

© Sam_Edring