Wahltag

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Wahltag | story.one

Heute ist Wahltag. Es löst in mir eine Erinnerung aus.

An den Wahltag damals vor vielen vielen Jahren.

1. März 1970. Bruno Kreisky.

Doch die wirklich tiefe Erinnerung ist mein Vater. Er war Gemeinderat in der SPÖ in meiner Heimatstadt. Er war wie er sich selbst immer gerne nannte ein Parteisoldat.

Einer der viele viele Kilometer machte für die Partei. Er nahm an vielen Veranstaltungen an Sitzungen teil. Es gab nichts was ihn aufhalten hätte können, für die SPÖ Flagge zu zeigen.

An diesem Morgen des 1. März 1970 sah ich meinem Vater als 10 Jahre alter Bub zu, wie er sich fertig machte.

Rasieren. Anziehen. Frühstück.

Zwischendurch verabsäumte er nicht mich wieder und wieder in den Arm zu nehmen und zu sagen, Bub ab heute wird vieles anders. Nach diesem Wahlsonntag wird vieles anders werden. Dann lächelte er mich an.

Sah meine Mutter an, umarmte sie und fand genügend Zeit sie zu küssen.

Er suchte sich seine Unterlagen zusammen und stellte sich hin vor uns beiden.

Na, kann ich so gehen? Fragte er.

Ja mein Schatz genau so kannst du da raus gehen und die Wahlschlacht gewinnen. Ich wünsche dir viel Glück.

Uns, wünsch uns viel Glück!

Sagte mein Vater umarmte mich und meine Mutter und stürmte aus dem Haus.

Wir standen da, meine Mutter hielt meine linke Hand und wir winkten ihm nach, als er im Opel davon brauste.

Selten zuvor und noch seltener danach habe ich meinen Vater so aufgeregt gesehen. Es war jedoch schön zu spüren, dass er mit dem ganzen Herzen bei einer Sache dabei war. Das er überzeugt war von dem was er da macht.

Komm sagte meine Mutter, wir machen uns einen Fruchtsalat. Den magst du doch so gerne.

Ja genau!

Mutters Fruchtsalat war immer gut, wenn es um Aufregung geht.

Ich weiß nicht mehr wie oft ich meine Mutter an diesem Tag gefragt habe, wann es denn jetzt so weit ist und vieles anders wird?

Sie erklärte mir mit ihrer Engelsgeduld jedesmal, dass die Wahl noch nicht rum ist und das wir auf den Vater noch warten, er wird uns dann sagen wie es ausgegangen ist.

Heute ja schwer vorstellbar, doch damals gab es noch kein Internet, kein Handy, keine ständige Verfügbarkeit der Neuigkeiten.

Doch der Wahlsonntag, ein kalter Spätwintertag ging vorüber. Es wurde Abend. Dann die Lichter vom Auto meines Vaters.

Er sprang aus dem Wagen, ich beobachtete ihn vom Fenster aus und er lief ins Haus.

Wir haben gewonnen. Die SPÖ ist Stimmen- und Mandatstärkste Partei.

Mein Vater schnappte sich Mutter und wirbelte sie freudig im Kreis drehend durch die Luft. Sie lachte und küsste meinen Vater immer wieder auf seinen Mund.

Dann sah er zu mir und rief, Bub ich hab es dir gesagt, ab heute wird vieles anders. Vieles.

Wenn so der Sieg eines Parteisoldaten aussieht und so herzlich gefeiert wird, dachte ich mir, dann werde ich auch mal ein Parteisoldat.

Er hatte recht mein Vater, es ist vieles anders geworden, damals mit Bruno Kreisky. Sorry sollte jetzt keine Parteiwerbung werden.

Erinnerung an Dich mein Vater, Du warst was du warst und das mit aller Leidenschaft.

Danke das du mein Vater warst!

© Sam_Edring 26.05.2019