Neues Leben

Der 4.10.1999 war mein Glückstag. Ich habe angefangen zu arbeiten. Das war mein erster Arbeitstag in Deutschland. Nach dem Umzug im Mai und einem Sprachkurs, der nicht wirklich viel gebracht hatte, habe ich angefangen, selbst Deutsch zu lernen und gleichzeitig suchte ich nach eine Arbeitsstelle. Es war, im Nachhinein betrachtet, ziemmlich verrückt. Ohne gute Deutschkenntnisse , suchte ich nach einer Therapeutinnenstelle für die Alkoholkranken. Das war das, was mich interessiert hatte und womit hatte ich schon Erfahrungen in meiner Heimat gesammelt hatte. Jetzt war ich hier, in einem fremden Land, in einer fremden Stadt. Mein Mann, der geborene Franzose, konnte mir nicht wirklich die deutsche Sprache beibringen. Außerdem wollte ich mit ihm Französisch sprechen, damals für mich auch eine unbekannte Sprache. Also es hatte geheißen: „Ärmeln hochkrempeln und lernen“. Ich hatte die ersten vier Monaten gleichzeitig Französisch und Deutsch gelernt. Geträumt habe ich in vier Sprachen. Stellt euch das vor: Man träumt vom Ehemann auf Französisch, über zu Hause bei Mutter auf Polnisch, über das neue Leben teilweise auf Englisch teilweise auf Deutsch. Jetzt wisst ihr, wie ich ausgeschlafen war in den ersten Monaten... Aber es sollte noch schlimmer kommen. Im September hatte ich einen Vorstellungsgespräch in einem Wohnheim. Ich habe mich wirklich gut vorbereitet. Viele der Fragen und die Antworten hatte ich auswendig gelernt. Gott sei Dank, habe ich auch die Fragen bekommen, die ich verstehen und beantworten konnte. Verrückt, was? Tatsächlich habe ich auch diese Arbeitsstelle bekommen. Also heute war es so weit. Um 5:30 Uhr war ich mit dem Zug unterwegs. Umsteigen in Neustadt an der Weinstraße. 7:02 Uhr. Von Bad Dürkheim Bahnhof waren es noch 20 Minuten bergauf zu dem Wohnheim. Nach fast 2 Stunden Fahrt hatte ich, ausser Atem, die Stechuhr erreicht. Uff. Das sollte mein täglicher Arbeitsweg in den nächsten 7 Jahren sein. „Mosche“ sagte Ilse und fragte: „Wisch tu Kaffee?“ Hmmm. Oh Gott. Was soll das bedeuten? „Kaffee“, das habe ich verstanden. Also wahrscheinlich fragte sie, ob, ich einen Kaffee möchte. Also eine klare Antwort: „Ja“, auch wenn ich eigentlich keine Kaffeetrinkerin bin. Noch gut gegangenen. Nur durch Hilfe meiner großartigen Arbeitskollegen habe ich es geschafft, vieles zu lernen, neue Wörter, neue Abläufe. Ich habe stundenlang die Wörter mit dem Wörterbuch gesucht, aufgeschrieben und dann nach und nach gelernt. Ich danke euch dafür. Ich danke euch für eure Geduld, Hilfe und Unterstützung. Wie schafft man es, in einer fremden Umgebung ohne gute Sprachkenntnisse zu arbeiten. Das ist harte Arbeit an sich selbst, nicht aufzugeben, weiter machen, immer wieder fragen, wenn ich man etwas nicht verstanden hat. Mühsam für alle. Es war mir so peinlich immer wieder zu fragen. Ich wollte so viel erzählen, aber ich konnte nicht. Ich danke Euch.

© Samanta