Engelsrauschen

"Oma, erzähl mir eine Geschichte!" Ich liebte die Geschichten meiner Oma. Lange lange ist es her, trotzdem nicht weniger präsent.

"Du willst eine Gesichte hören mein Kind?" fragte mich meine Oma.

"Ja bitte Oma" gab ich als 4 jähriger ungeduldiger Junge zurück.

Dann ein langer Seufzer, fast schon so wie von einem Marathonläufer der die letzten 5 km seines Laufs vor sich hatte. Das Geräusch des Windes in den Baumwipfeln, draußen vor dem Fenster. "Engelsrauschen!" flüsterte meine Oma.

"Es ist lange, da lag mein Vater am Sterbebett, ich war vielleicht so alt wie du mein Junge heute. Oft bin ich hin gegangen und habe seine Hand berührt. Eines Morgens hat er mit seinem Zeigefinger über die Innenseite meiner Hand gestreichelt und gesagt- es wird dich berühren. Wer Vater wird mich berühren. Fragte ich ganz aufgeregt. Er schlief ein. Er ging von uns in diesem Moment. Leise wie es eben seine Art war.Doch dieses mal heilte ihn sein Lebensende.Tränen liefen über meine Wange."

Ich sah hoch zu meiner Oma, auch jetzt weinte sie, leise. Draußen vor ihrem Fenster rauschte der Wind durch das Gebüsch. Es war faszinierend, denn genau jetzt war nirgends der Wind zu hören, zu sehen oder zu fühlen nur in diesem Gebüsch raschelten die Blätter.

Meine Oma weinte und lächelte, "Engelsrauschen!" sagte sie.

Ich stand auf, legte meine Arme um ihre Schultern, drückte Ihren Kopf an meine Brust. Mein Herz schlug ganz schnell.

Sie sah hoch zu mir: "Komm mein Engelchen setz dich zu deiner Oma auf die Schoss die Geschichte geht ja noch weiter."

Dabei hob sie die Hand und winkte so als würde draußen vor dem Fenster jemand stehen und sie ansehen.

"Mein Vater starb also an diesem Morgen. Einfach so. Still und leise wie es eben seine Art war. Geschichten waren seine Welt. Er erzählte sie und sammelte sie. Sagte immer, hinter jeder Geschichte steht die Seele eines Menschen. Respektiere die Seele des Menschen, um den tiefen Sinn einer Geschichte zu erkennen. Traurig lief ich aus dem Haus, Tränen in den Augen, den Fluss entlang. Du kennst ja den Hafen?"

"Ja Oma ich kenne den Hafen, du hast mir von Margaret erzählt. Der jungen hübschen Margaret." antwortete ich gespannt.

"Ja Margaret." lächelte meine Oma.

"Ich blieb stehen, da am Fluss" fuhr meine Oma mit dem erzählen fort.

"Es bewegte sich der Besenginster vor mir am Flussufer. Ich trat wie durch ein Magnet angezogen näher. Als ich nahe genug war, um den Duft des Besenginster zu riechen, berührte ein Zweig meine linken Hand. Das Gefühl in meiner Hand, das Gefühl, wie wenn mein Vater mich berührte, genau an dieser Stelle. Es wird dich berühren. Das waren seine letzten Worte. Ich wünsche dir eine schöne Reise, ich bin froh deine Tochter zu sein. Kam über meine Lippen. Das rascheln der Blätter blieb in meinem Gedächtnis und so wusste ich, dass es meinem Vater gut ging. Seither ist dieses Engelsrauschen mir schon oft begegnet."

Ja meine Oma wußte viele Geschichten. Danke Oma, der Wind streicht oft über mein Gesicht und ich denke dann fest an dich.

© Samedring