Friedhof der Namenlosen

Mal mit dem 92B zu fahren an diesem Samstag. Raus zu den Stränden. An der Donau. Nein ich wollte nicht schwimmen, nur einfach so rum fahren und ein Bekannter erzählte mir vom 92B.

Es war ein total schöner Samstag Nachmittag. Genau das richtige Wetter für die Sommerfrischler. Für die Leute die es lieben einfach ins Wasser zu gehen sich abzukühlen.

Der Bus hielt an, Endstation. Ölhafen. Lobau. An die Tischen der Restaurants scharten sich die "Wassersportler".

Da zuckte ein Gedanke durch meinen Kopf. War nicht genau da gegen über auf der anderen Seite der Donau dieser Friedhof. Wie hieß der nochmal. Ja, Friedhof der Namenlosen.

Schnell auf dem Smartphone die genauen Koordinaten gesucht und gefunden. Über diesen Friedhof werden ja so machen gruseligen Geschichten erzählt und geschrieben.

Dann los - zurück mit dem 92B bis Donaustadtbrücke, dort dann U2, danach in den Bus 79B - dann umsteigen in Bus 76 A.

Gegenüber des Alberner Hafen Cargos bleibt der Bus stehen.

Steige aus und wandere im Sonnenschein Richtung Friedhof. Google-Maps sagt voraus 1.4 km ca 18 Minuten Fußmarsch.

"Wissen sie wo hier der Friedhof ist?" höre ich plötzlich neben mir eine Frauenstimme.

Ich drehe mich in ihre Richtung. Eine schon ältere Dame, lächelt mich an.

"Ja laut Google-Map, brauchen wir nur da durch den Hafen durch und dann ist er gleich rechts."

Ich zeigte in die Richtung.

"Danke" sie marschierte los.

Als ich auf der obersten Stufe runter zum Friedhof stand, erfasste mich Ruhe, eine friedliche Stimmung. Ich mochte Friedhöfe. Bestimmt auch deshalb weil zu Allerseelen geboren bin.

Ich ging langsam durch die Reihen, Friedhof der Namenlosen. Begraben waren hier Menschen die zwischen 1840 und 1940 im Hafenbereich angeschwemmt worden sind. Menschen die Namenlos geblieben sind. Wie sie gestorben sind weiß auch niemand.

Bei jedem Kreuz blieb ich einige Zeit stehen. Dachte mit einem Lächeln an die Seele dieses Menschen. Dachte daran das bestimmt viele Ängste, Sorgen Kummer oder andere Gefühle in diesen Menschen vorgegangen sind als sie gestorben sind.

Verzweifelt am Ende weil die Familie nicht mehr zu ihnen gestanden ist. Traurig weil der Geliebte im Krieg gestorben ist.

Hasserfüllt weil die Partnerin in ein Konzentrationslager verschleppt wurde.

Tausende mögliche Geschichten.

Tausend unmögliche Geschichten bestimmt.

Öfter hatte ich das Gefühl mit der Hand über ein Kreuz streichen zu wollen.

Ich näherte mich dann, langsam, geduldig und respektvoll.

Streichelte über das schwarze Gusseiserne Kreuz.

Spürte Dankbarkeit in meinen Händen. Dankbarkeit einem Namenlosen Verstorbenen Respekt erweisen zu dürfen.

Danach saß ich noch sehr lange auf der Bank und blickte immer wieder über die Kreuze, die Gräber. Es war still. Vögel sangen ihre Lieder. Stille in mir. Die vielen Gedanken die sonst oft in mir kreisten, hatten sich längst zurück gezogen.

Danke das es solch Plätze gibt. Plätze die einem vor Augen führen, wie schön das eigene Leben ist.

© Samedring