Auftauchen

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Auftauchen | story.one

Sie merkte es gar nicht, so schleichend hatte er sie verändert. Die Beziehung dauerte insgesamt fünf Jahre und eigentlich war es harmonisch, sie mochten sich und genossen die Zeit miteinander. Aber es war immer Liebe auf Distanz, auch räumlich. Sie wollte nicht zu ihm ziehen - in sein Elternhaus, niemals - und er wollte mit ihr nichts Neues schaffen. Er wechselte den Job, arbeitete schließlich in einem anderen Bundesland: Wochenendbeziehung. Ihr Gefühl sagte ihr dass es nicht in die richtige Richtung läuft, dass man sich mit den Jahren näher kommen sollte und nicht entfernen. Aber sie wollte sich nicht eingestehen dass es keine Zukunft für sie gab. Mit der Zeit passte sie sich unbewusst an: Musikgeschmack, Freizeitverhalten, Freundeskreis. Nur manchmal gelang es ihr von dem durch ihn eingeschlagenen Weg auszubrechen. Der Tag am Berg, ihre Leidenschaft: Natur, Bewegung, Freiheit. Er fuhr zwar mit, aber in Anzugschuhen und Hemd. Er wollte einen Kaffee trinken während sie sich "austobte". Die Kommentare über ihr angeblich seltsames Verhalten nach harmonischen Familientreffen bei der sie Spaß hatte und sich wohl fühlte. Und zu Hause: kleine Vorwürfe wie Nadelstiche, kein großer Krach aber diese schleichende Entmutigung, Erniedrigung. Er begleitete sie zu Sportveranstaltungen, nur um ihr daheim zu sagen wie unsexy er Frauen in Sporteinteilern findet. Oder bei der Fahrt zu einem Trainingswochenende: der Wunsch nach Trennung, mitten auf der Autobahn, sie war am Steuer. Diese Momente in denen er die Wahrheit aussprach und ihr damit den Boden unter den Füßen wegzog, und doch klammerte sie sich an ihn. Passte sich weiter an, vergaß wer sie war.

Die Trennung. Kein Streit, ein sachliches Gespräch auf der Couch an einem Samstagnachmittag. Man stünde sich im Weg, sollte den anderen freigeben. In diesem Moment wird ihr klar dass er recht hat. Er packt seine Handvoll Sachen und fährt davon. Tränen, Zweifel, Fassungslosigkeit. Aber sie weiß sie dass es der richtige Schritt ist. Für lange Zeit will sie nichts von anderen Männern wissen sondern einfach zurück auf ihren Weg kommen. Sie fühlt sich verloren im Dickicht, hineingelockt durch Versprechungen und nun muss sie alleine zurückfinden, einen kleinen Schritt nach dem anderen. Es dauert drei Jahre bis sie sich wieder wie sie selbst fühlt, ihr Selbstvertrauen wiederhergestellt ist, sie wieder weiß was ihre Leidenschaften, Träume, Stärken sind.

Heute ist sie aufgetaucht, das Leben hat eine unerwartete, doch positive Wendung genommen. Die Zeit die sie unverhofft bekommen hat nutzt sie um alte Schubladen auszuräumen, findet ihre alten Notizen, Zeichnungen, Zitate, Hefte, Geschichten. Erinnert sich an ein anderes Ich, ein Ich das immer geschrieben hat um Gedanken aus dem Kopf zu bekommen, eine kreative Version ihrer selbst. Viele der alten Zettel wirft sie weg, sie weiß dass sie keine Bedeutung haben - wichtig ist nur dass sie sich selbst wiedergefunden hat.

© Sammy87 16.10.2019