Alte Wunden

War das gerade ein Fenster? Ich kann die Angst in Georgs Augen sehen. Alles sollte doch nur ein harmloser Streich sein. 1,2,3 Steine in Richtung des protestantischen Wachturms und schon regnet es Gummigeschosse um uns herum. Wir ducken uns. Georg fällt in Panik und läuft aus unserem Versteck zur dahinter liegenden Straße. Ich hocke noch hinter der Steinmauer und überlege, was ich jetzt machen soll. Aber mein Versteck ist bereits aufgeflogen. Erst als ich in die Mündung der Rubbergun sehe, werde ich mir meiner Lage bewusst. Doch es ist schon zu spät. Um mich wird alles dunkel. Was danach passierte, weiß ich nur aus Erzählungen. Dass mir der englische Wachmann aus 40 cm ein Gummigeschoss ins Gesicht schoss und mich dann liegen ließ. Georg beobachtete alles von der Straße aus und lief sofort zum Haus meiner Eltern. Meine Mutter sitzt jetzt neben mir und ich höre sie weinen. Sehen kann ich sie nicht. Ich höre den Arzt sagen, dass ein Auge nicht mehr zu retten gewesen sei. Beim anderen müssen wir abwarten.

Der Tag, an dem ich mein Augenlicht verlor ist jetzt 45 Jahre her. Ich dachte meine Wunden und die Wunden Irlands sind verheilt. Ich dachte die Zeiten, in denen katholische Töchter von ihren Familien verstoßen wurden, weil sie sich in einen Protestanten verliebte liegen hinter uns. Ich dachte auf den Straßen Derrys würden nie wieder Molotowcocktails explodieren. Ich dachte Kindern, die am Schulweg sind könnte nie wieder das Gleiche passieren wie mir. Doch leider entzündet der Brexit verheilt geglaubte Narben.

© sandmarcweiss