Eine Samtpfote stiehlt Herzen

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Eine Samtpfote stiehlt Herzen | story.one

Die wahren Geschenke des Lebens sind keine erfüllten Wünsche, sondern Überraschungen. (Thomas Romanus)

Man vergisst so leicht, dass das Leben voller Überraschungen steckt. Eine solche Überraschung war das erste Zusammentreffen mit meiner ersten samtpfötigen Liebe, das einer meiner schönsten Kindheitserinnerungen darstellt.

Im September 1996, ein paar Tage vor meinem 9. Geburtstag, war eine kleine Feier in einem kleinen Restaurant mit meiner Mama, meinem Stiefvater und meinem Bruder geplant. Mein Stiefvater bat mich am Weg zum Restaurant noch kurz bei seiner Arbeitskollegin Gabi vorbeischauen zu dürfen. Er sagte, er müsse ihr einen wichtigen Aktenordner bringen. Da mein Stiefvater normalerweise sehr viel und lang arbeitete, fand ich seine Bitte nicht weiter ungewöhnlich. Mein kindliches Ich wurde erst stutzig, als Gabi mich lächelnd dazu aufforderte, in das obere Stockwerk ihrer Wohnung zu gehen, sie hätte dort eine vorzeitige Geburtstagsüberraschung für mich deponiert.

Freudig öffnete ich die Tür, und schaute in das leere Schlafzimmer. In das fast leere Schlafzimmer, denn auf dem Bett stand ein kleiner weißer Wäschekorb, so viel konnte ich im Türrahmen stehend, erkennen. Was ich allerdings im Wäschekorb entdeckte, ließ mich vor Freude erstrahlen. Einige Augenblicke später fiel ich mich schon vor Freude schluchzend in die Arme meine Mutter – waren doch sechs entzückende Katzenbabys gerade dabei, den Wäschekorb für sich in Anspruch zu nehmen.

Als ich das erste Mal davon sprach, mir eine kleine Katze zu wünschen, hatten meine Eltern noch müde gelächelt. Nun, einige Jahre später, hatten sie mir das allergrößte Überraschungsgeburtstagsgeschenk gemacht. Ich kann mich noch erinnern, dass der Wurf aus drei rötlichen-getigerten Katzenbabys, zwei schwarzen Katzenbuben und einer rötlich-schwarzen Glückskatze bestand. Stur, wie ich mit 8 Jahren nun mal war, wollte ich unbedingt einen rötlichen „Garfield“ mit nach Hause nehmen.

Letztendlich war es meine Mutter, die mich dazu ermutigte, mir alle Kätzchen unvoreingenommen anzusehen – was dem Herzen gefällt, das suchen die Augen. So kam es, dass das Foto zu meiner Geschichte entstand. Im Nachhinein weiß ich, dass ich mich für den kräftigsten, aufmerksamsten und liebenswertesten Kater entschieden hatte – und er war schwarz! Er hatte mich mit seinen blauen Augen verzaubert! Fast 22 Jahre würde er treu an meiner Seite verweilen, bevor er über die Regenbogenbrücke gehen musste.

Ich taufte ihn auf den Namen Kevin, nach der Hauptfigur im Film „Kevin – Allein zu Hause“. Mein Kater Kevin würde sich aber nie wirklich alleine fühlen, er hatte ja mich, und ich würde mich immer um ihn kümmern.

Wenn mich heute jemand fragen würde, was Liebe und Glück für mich bedeuten, würde ich ihm oder ihr den Schnappschuss zu meiner Geschichte zeigen. Der wahre Freund ist nämlich der, von dem man auch ohne Worte verstanden wird.

© Sandra Berger 16.04.2020