Darwin weint

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Darwin weint | story.one

Es gibt Unfälle, die sind tragisch. Sie zerstören ein Leben vollkommen, ohne dass man irgendetwas dagegen tun kann. Zurück bleiben nur Fragen: Womit hab ich das verdient? Warum ausgerechnet ich? Und es stimmt, es ist vollkommen unfair. Das Schicksal meint es eben nicht mit allen gleich gut.

Es gibt aber auch Unfälle, die passieren müssen. Bei denen Mitleid genauso wie Selbstmitleid vollkommen fehl am Platz sind. Bei denen man einfach nur selbst Schuld ist und das Schicksal sinnloserweise provoziert hat. Ach was, Schicksal. Schicksal hat damit nichts mehr zu tun! Es geht um Dummheit. Pure Dummheit.

Und hätte man der Darwin'schen Theorie freien Lauf gelassen, gäbe es dieses Problem vielleicht schon gar nicht mehr. Doch wir müssen ja überall Warnhinweise und Schilder anbringen. Und wenn selbst wiederholte Warnungen manche nicht davon abhalten, bei starken Windböen zehn Zentimeter vor einem Abgrund zu posieren, bei dem es 200 Meter in die Tiefe geht, dann wurde die Evolution eindeutig in eine falsche Richtung gelenkt. Das Überleben des Stärkeren mag überholt sein, doch eine gewisse Grundintelligenz wird man wohl noch voraussetzen dürfen.

Anscheinend nicht. Nicht in einer Zeit, in der das perfekte Instagrambild scheinbar Todesmut erfordert. Sonst hätte man die Likes gar nicht verdient. Könnte ja jeder. Man muss schon aus der Masse hervorstechen! Oder Fotos machen, die es von anderen Menschen am selben Ort in der selben Pose schon zur Genüge gibt, aber die total einzigartig aussehen. Oder so. Der Hausverstand bleibt bei diesen Überlegungen ohnehin zu oft auf der Strecke. Ein möglicher Selfietod gehört halt irgendwie dazu. Berufsrisiko.

Ich kann fast nicht hinsehen, wie einige hier direkt am Abgrund hängen. Entweder, um das perfekte Foto zu machen oder um es machen zu lassen. Während der eine auf den Steilklippen sitzt und seine Füße im Nichts baumeln, sitzt die andere im Gras kurz vor der steinigen Tiefe und blickt in die Ferne, um möglichst gedankenverloren und philosophisch auszusehen. Ich kann mir den 0815-Spruch unter dem Posting schon vorstellen: The world is a book and those who don't travel read only one page. Die Follower werden begeistert sein!

Der Wind drückt das junge Mädchen gegen den Abgrund, doch es lässt sich davon nicht beirren. Ist ja noch nie jemand abgestürzt. Oh, Moment – doch, das passiert hier gelegentlich!

Einige Posen später sind die Bilder glücklicherweise im Kasten und sie darf wieder aufstehen und sich endlich zurück auf den sicheren Pfad begeben. Und wie es in Irland eben so ist, fühlt sich hier nicht nur der Wind heimisch. Auch der Regen gehört zum meteorologischen Grundinventar. Demzufolge ist der Boden meist schlammig und feucht.

Woher ich das weiß? Ich seh's an ihrem Hintern. Aber hey – sie lebt noch.

© Sara 24.08.2019