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Schutzlos

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Schutzlos | story.one

Groß ist er nicht. Aber handlich. Jederzeit bereit. Das schätzt sie an ihm. Sie fühlt sich sicher, wenn sie ihn in ihrer Handtasche spürt. So sicher, dass sie sich seinem Beisein nicht immer bewusst ist. Doch was für sie Sicherheit ist, bedeutet für andere die nackte Gefahr. Und so weiten sich ihre Augen beim Blick auf das große Verbotsschild.

„Ich hab meinen Pfefferspray dabei“, stellt sie panisch fest. Die flughafenähnlichen Kontrollen und die uniformierten Männer, die daneben stehen, geben keine Hoffnung darauf, dass dieses kleine Mitbringsel unbemerkt bleibt. Und jetzt? Direkt bei der Kontrolle abgeben? Oder wird sie dann schon unsanft und in hohem Bogen aus dem prunkvollen Gebäude geschmissen? Steht von da an gar ihr Name auf der Liste der Staatsfeinde Ungarns? Das erscheint ihr ein recht hoher Preis. Vielleicht wäre es besser, den Fehler im Vornhinein einzugestehen.

Mutig nimmt sie ihren kleinen Beschützer aus der Tasche und marschiert damit zum Informationsschalter. Sie habe nicht daran gedacht, wolle nichts Böses, erklärt sie. Ob sie ihn nicht inzwischen hier hinterlegen und später wieder abholen könne?

Die Frau am Schalter starrt die Massenvernichtungswaffe entsetzt an. Ruft schockiert einen Kollegen zur Hilfe. Beschwichtigende Worte verdampfen im Raum. Die Anweisung ist eindeutig: Raus aus dem Gebäude! Wegschmeißen! Weitere Diskussionen wären überflüssig.

Teuer war er ja nicht. Ein Verlust wäre verkraftbar. Ihr Sturkopf lässt das jedoch nicht zu. Also bleibt nur noch Plan B.

Betont unauffällig begibt sie sich in Richtung Toiletten, freundlich lächelnd, es soll ja niemand ihre dunklen Pläne durchschauen. Das Adrenalin steigt. Sie ertappt sich dabei, wie sie Gefallen am Gefühl des Bösen findet.

Ein kurzer Rundblick durch den Raum.

Menschen.

Egal.

Selbstsicher stolziert sie ihrem Spiegelbild entgegen, lässt sich nichts anmerken. Nimmt vorsichtig ihren Pfefferspray aus der Tasche. Stets wird sie von ihm beschützt. Zeit, etwas zurückzugeben. Behutsam befestigt sie ihn unterhalb des Waschbeckens. Noch der obligatorische Kontrollblick in den Spiegel, dann verlässt sie den Raum. Stolz auf ihr professionell-kriminelles Verhalten. Nicht einmal die Überwachungskameras haben sie einschüchtern können.

Vor der Sicherheitskontrolle wird erneut betont: „Haben Sie Messer mit? Waffen? Pfefferspray? Hoffentlich nicht!“

Sie grinst. Alles erledigt.

© Sara 11.06.2019

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