Nasse Locken lügen

Nackt, mit triefend nassen Haaren und den Blick zur Wand gerichtet, stehe ich in der Dusche. An meinem Schulterblatt spüre ich das kühle Metall der Schere.

"Schön oder brutal?"

Die Frage lässt meine Gesichtszüge entgleisen. "Schön natürlich!", antworte ich irritiert. "Brutal ist aber effizienter", kontert er. Bevor ich widersprechen kann, nimmt er sämtliche Haare in die Hand und schneidet sie in einem Zug durch. Hilflos muss ich mit ansehen, wie die Locken zu Boden fallen.

"Das sind ja 20 Zentimeter!", schreie ich entsetzt, als ich die abgeschnittenen Haarsträhnen sehe.

"Nein, das sind genau zehn, wie du gesagt hast", ist er überzeugt, "höchstens zwölf … oder 13."

"Es sind mindestens 15!"

Die fehlende Geradlinigkeit der Haare lässt allerdings großen Interpretationsspielraum zu. Er will schon das Maßband holen, aber so genau will ich es gar nicht wissen.

Der Blick in den Spiegel überrascht mich: "Das ist genau die Länge, die ich haben wollte." Er platzt schon fast vor Stolz, bis ich ihm erkläre, dass das kein gutes Zeichen ist. Denn nasse Locken lügen! Und frisch geschnittene, nasse Locken sind unberechenbar! Motiviert durch den gerade abgeworfenen Ballast kringeln sie sich mit jedem Verlust von Feuchtigkeit mehr auf und verringern die Länge so nochmals um entscheidende Zentimeter. Die Wahrheit zeigt sich erst im vollkommen trockenen Zustand.

Das ist auch der Grund, warum mir meine Friseurin bereits von den zehn Zentimetern abgeraten hat, die ich loswerden wollte. Die Locken würden komplett eskalieren, sagte sie mir. Also blieb ich immer brav bei "etwas mehr als die Spitzen" und träumte heimlich von meiner schulterlangen Frisur.

Bis zum heutigen Tag, an dem ich aus spontaner Frustration über die schon wieder zu lange Haarpracht mutig – und wohl auch etwas leichtsinnig – die Eskalation in Kauf genommen und meinem Freund die Schere in die Hand gedrückt habe. Er freute sich wie ein kleines Kind und verzichtete trotz wiederholter Bitte darauf, sich ein passendes YouTube-Tutorial anzuschauen.

"Vorne sind sie noch länger als hinten", stelle ich kritisch fest. Eine logische Konsequenz seiner Ein-Schnitt-Technik. "Kein Problem", meint er, zieht die vorderen Loopings lang und – schnipp, schnapp – fallen auch diese Haare gleichmäßig. Zumindest soweit man das beurteilen kann. Locken können leichte Unterschiede gut kaschieren und letztlich entscheidet über etwaige Perfektion ohnehin die willkürliche und tagesabhängige Sprungkraft.

Immer wieder kontrolliere ich den fortschreitenden Trocknungsvorgang. Die Zentimeter schwinden. Die Locken werden immer verlockender. Doch am Ende bin ich tatsächlich zufrieden: Schulterlang, lockenreich und trotzdem sieht's nicht so aus, als hätte ich in eine Steckdose gegriffen.

Ich bin glücklich und mein Freund unendlich stolz auf sein neu entdecktes Talent – nur meiner Friseurin dürfte es nicht gefallen. Denn die wird in Zukunft wohl weniger mit mir verdienen.

© Sara