Porzellan federt nicht

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Porzellan federt nicht | story.one

„Also ich hab gehört, du bist gefallen, hast dir die Hand gebrochen, bist aufgestanden, nochmal gefallen und hast dir so die zweite Hand gebrochen“, erzählt sie mit etwas zu viel Begeisterung. Ich schaue sie ungläubig an. „DAS hast du gehört?“ Freundin Nummer zwei steht mir unterstützend zur Seite: „Das stimmt natürlich nicht. Es war so: Sie ist stehen geblieben, umgefallen und hat sich beide Hände gleichzeitig gebrochen.“ Ich muss mich wohl selbst verteidigen. „Ich bin nicht einfach so umgefallen!“, versuche ich zum x-ten Mal meine Version der Geschichte durchzusetzen. „Ich bin gefahren! Langsam, aber eindeutig in Bewegung!“

Mittlerweile ist dieses Ereignis, von dem man sich heute noch gelegentlich erzählt, über zehn Jahre her. Legenden ranken sich darum, wie es tatsächlich dazu gekommen ist, dass ich für vier Wochen beide Arme im nicht ganz so stylischen Gips-Look präsentieren durfte. Und gerne würde ich eine Heldengeschichte davon erzählen oder wenigstens eine, die von rasanter Action und risikofreudiger Abenteuerlust getragen wird. Doch leider war ich wirklich nur ungeschickt.

Es war der erste Tag im Fortgeschrittenen-Snowboardkurs. Gemeinsam mit einer Freundin beschloss ich, die verbleibende Mittagspause mit einer Zusatzfahrt zu verbringen: Mit dem Lift rauf und gemütlich den Hang hinunter. Das „gemütlich“ funktionierte ganz gut, nur unten angekommen bin ich nicht wie geplant. Denn nach einer erfolgreich gemeisterten Kurve merkte ich, wie ich nach und nach die Kontrolle über mein Brett verlor. Eigentlich nicht weiter schlimm, denn ich hätte genügend Zeit gehabt, mich während des Fallvorgangs – BEI DEM ICH LANGSAM GEFAHREN BIN! – mit der gegebenen Situation zu beschäftigen. Aber anstatt wie gelernt die Fäuste zu ballen und mich mit den Unterarmen zu schützen, streckte ich die Arme aus und ließ meine Handgelenke den Sturz abfedern.

Blöd nur, dass die Federfertigkeiten von Handgelenken in etwa mit jenen von Porzellan-Schüsseln vergleichbar sind. Die Konsequenz: Ich hatte mehr Knochenbrüche als ein gesunder Mensch Hände. Die rechte war nämlich gleich doppelt kaputt. Was folgte war eine mehrwöchige vollkommene Unselbstständigkeit meinerseits und regelmäßiges Falltraining für die restlichen Kursteilnehmer.

Jahre später wird beim Kurs immer mal wieder diese Horrorgeschichte vom Mädchen mit den zwei gebrochenen Händen erzählt – und vielleicht auch manches Detail dazu erfunden, damit auch wirklich alle die richtige Falltechnik verinnerlichen. Dadurch hab ich vielleicht einige vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt, was das Knochen-Desaster so gesehen doch noch zu einer Art Heldengeschichte macht.

Da gibt es aber noch eine Kleinigkeit, die nur die Wenigsten wissen: Ich begann mit dem Snowboarden, weil ich mir zuvor beim Skifahren den Daumen gebrochen hatte. Normalerweise mag ich Ironie.

© Sara 26.01.2020