Pure Fleischeslust

Im bräunlichen Rosa quillt er aus dem mit Mohn besprenkeltem Brötchen hervor. Um mich herum genussvolles Schmatzen und euphorisches Schwärmen. Skeptisch blicke ich in die Runde und dann wieder auf das hochgelobte Gourmetgericht in meinen Händen. Der Hunger fehlt, doch darum geht’s nicht. Denn ein Nein zu Leberkas wird hier weder verstanden, noch toleriert. Die sofortige gesellschaftliche Ausgrenzung wäre mir sicher.

Meine Ansprüche sind hoch. Ich erwarte mir ein Geschmackserlebnis, das nicht ansatzweise mit dem vergleichbar sein würde, was ich bisher mit Leberkäse assoziierte. Ein völlig neuartiges Verständnis von Fleischeslust, das mir die Sinne rauben würde. Dutzende Lobeshymnen auf den "Leberkas-Pepi" wurden mir in den vergangenen Monaten vorgetragen, stets mit leuchtenden Augen und begeisterten Gesten. Es muss einfach großartig schmecken!

Der erste Biss. Der Mohn beginnt eine Erkundungstour durch meine Zahnzwischenräume. Das Kauen macht auf die angenehme Konsistenz des Leberkäses aufmerksam. Ein Kasleberkas, wohlgemerkt, bei dem der Käse im Namen endlich mal verspricht, was er hält, und nicht nur zu irreführenden Vorstellungen verleitet. Der Fleischgeschmack breitet sich im Mund aus. Die Blicke deuten darauf hin, dass dies nun der Moment wäre, in dem ich in bodenloser Begeisterung ausbrechen müsste. Erstmal runterschlucken.

„Ist ok“, gebe ich mein fachmännisches Urteil ab.

In den entsetzten Gesichtern lese ich, dass dies wohl keine befriedigende Äußerung ist. Schnell füge ich hinzu: „Ja, doch, schmeckt schon gut.“ Mit der erwünschten Euphorie kann ich auf die Schnelle leider nicht dienen. Diese ist mir trotz des positiven Geschmackserlebnisses nämlich nach wie vor ein Rätsel, das mich zu dieser nächtlichen Stunde noch vor wesentliche Fragen stellt …

Ist Geschmack kulturell bedingt? Ein Produkt von Erziehung? Oder schlicht und einfach erlernbar? Erliegt Leberkäse ebenfalls dem Sushi-Effekt, der einige Probierversuche verlangt, um es abgöttisch zu lieben? Oder bin ich mit meinen Südtiroler Geschmacksknospen einfach nicht in der Lage, diese oberösterreichische Kulinarik zu begreifen? Und was bedeutet das für Geschmäcker, von denen ich überzeugt bin? Alles bloß Schein?

Letzteres lässt sich in einem einfachen Sozialexperiment prüfen. Bevor alle glücklich und zufrieden ins Bett gehen und sich dabei vermutlich Träumen hingeben, in denen Leberkäse die Welt regiert, wird es Zeit für die Probe aufs Exempel. Mit Schneidbrettl, Schüttelbrot und Kaminwurz bewaffnet, besteche nun ich meine Probanden mit Beispielen puren Genusses.

Sie greifen zu.

Kosten.

Kauen.

Der zu beobachtende Gesichtsausdruck beruhigt mich. Es scheint zu munden …

© Sara